Autorenlesung in Luckenwalde: Das neue Wir

Jan Plamper ist viel herumgekommen. 1970 auf der Schwäbischen Alb geboren, zog es ihn für Studium und Arbeit nach St. Petersburg, nach Berkeley in den USA und Moskau, er arbeitet in London und lebt in Berlin.

Am 14. November kam der Geschichtswissenschaftler nach Luckenwalde und stellte im Kultur-Café „klassMo“ auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung sein jüngstes Buch vor.

„Das neue Wir“ ist der Titel und es beschreibt, „warum Migration dazugehört“. Es erzählt Geschichte am Beispiel von Menschen, die seit 1945 nach Deutschland West und Ost zugewandert sind, und die alle die Geschichte der Deutschen mitprägen: die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die „Gastarbeiter“ aus Südeuropa und der Türkei, die „Vertragsarbeiter“ aus Angola, Mosambik und Vietnam, die Aussiedler aus Polen und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Heute leben fast 20 Millionen Menschen, knapp ein Viertel der gesamten Bevölkerung, mit einem so genannten Migrationshintergrund in Deutschland. Jan Plamper schlägt vor, sie als „Plusdeutsche“ zu bezeichnen, gleichsam als Deutsche mit Zubehör, beispielsweise einem zusätzlichen kulturellen Gepäck.

Anders als die Zuschreibung Migrationshintergrund sei Plusdeutsche „ein selbstbeschreibender Begriff, und Selbstbeschreibung bedeutet Selbstermächtigung“. Der Historiker erinnert daran, dass Staatsbürgerschaft nichts anderes sei als reiner Zufall, in den jeder Mensch hineingeboren wird wie in eine arme oder eine wohlhabende Familie.

„Deutsche Staatsbürgerschaft ist ein historischer Zufall, der heute ein Privileg ist, morgen eine Last sein kann. Daran lohnt es, sich im Alltag immer wieder einmal zu erinnern.“

Der Autor

Der Historiker Jan Plamper, geboren 1970 in Laichingen/Baden-Württember, ist seit 2012 Professor für Geschichte am Goldsmiths College der University of London. Er forscht über Osteuropäische Geschichte, Emotionsgeschichte und Migrationsgeschichte. Nach seinem Studium engagierte er sich unter anderem bei der Aktion Sühnezeichen sowie in St. Petersburg bei Memorial. In Berkeley promovierte er über den Personenkult Josef Stalins.

Seine Bücher »Geschichte und Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte« und »The Stalin Cult: A Study in the Alchemy of Power« erhielten ein breites Medienecho und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.


Der Bayerische Rundfunk im Gespräch mit Jan Plamer

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