Bürger zweiter Klasse

Als Murats Mutter nach 18 Jahren endlich eine unbefristete Aufenthalts- und Beschäftigungserlaubnis erhielt, war für ihn die Sache mit Deutschland eigentlich schon gelaufen. Seine Jugend in einem Land, in dem er nur geduldet war und mehrmals vor der Abschiebung stand, hatte ihm keine Perspektive aufgezeigt – und er geriet auf die schiefe Bahn.

 

Schule schwänzen, Raubüberfälle, Drogen, Gewalttaten, Gefängnis. 2015 wurde er aus dem Gefängnis heraus in sein "Herkunftsland" abgeschoben: Kosovo, ein Staat, der 1988, als er in Oslo geboren wurde, noch gar nicht existierte. Ein Land, das er – von ein paar Monaten Aufenthalt als Kind abgesehen – kaum kennt. Auch die Sprache nicht.

Die Journalistin Heike Tauch ist 2016 gemeinsam mit Murats Mutter nach Pristina gereist und hat den Fremden in seiner behördlich verordneten Heimat besucht. Das Ergebnis ist ein eindringliches Audio-Feature, das sich dem Abgeschobenen mit ehrlichem Interesse nähert und auf einen sehr reflektierten Menschen trifft, der nun in der Fremde sein Leben zu meistern versucht:

"Ich lebe hier, natürlich ist Berlin meine Heimat, da bin ich aufgewachsen, da ist der einzige Ort, wo ich mich wirklich zu Hause fühle. Hier fühle ich fremd. Muss ich ehrlich sagen. Außerhalb meines Arbeitsplatzes noch fremder."

Auch die dabei erzählte Geschichte von Murats Mutter zeigt, welche Konsequenzen das Leben als Bürger zweiter Klasse auf menschliche Schicksale haben kann. Das Feature von Heike Tauch ist 2017 mit dem n-ost-Reportagepreis ausgezeichnet worden. (Quelle: Alexander von Streit, piqd.de)


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