„Das hat bei mir immer auch eine politische Dimension“

Pfarrerin Mechthild Falk aus Jüterbog blickt zurück.

Das Ziel des Aufbruchs lag in jungen Jahren jenseits erreichbarer Grenzen. Die Faszination, "doch mal über den Tellerrand zu gucken" und einen Blick auf die Anderen zu werfen, ist geblieben, auch und gerade, als sich berufliche Aufgabe und persönliche Suche miteinander verflochten. Die Gemeindepfarrerin Mechthild Falk ist das Gesicht der Flüchtlingshilfe Jüterbog. In wenigen Monaten geht ihr beruflicher Lebensweg zu Ende. Die Flüchtlingshilfe bleibt.  

Zu DDR-Zeiten Theologin zu werden, war doch eher ungewöhnlich, oder?

Ich bin in einem Pfarrhaus im Osten von Berlin aufgewachsen. Auch mein Großvater war schon Pfarrer und Superintendent. Eigentlich war es damals nicht unbedingt mein Ziel, in diese Fußstapfen zu treten, aber andere Pläne wurden ausgebremst: Ich durfte kein Abitur machen, weil ich nicht FdJ-Mitglied war und auch nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte - wegen „gesellschaftlicher Inaktivität“ also.

So habe ich nach der zehnten Schulklasse erst einmal bei der Evangelischen Kirche eine Ausbildung zur, heute würde man sagen Bürokauffrau gemacht. Nebenbei konnte ich an der Abendschule mein Abitur nachholen.

Schon damals wollte ich unbedingt raus in die Welt. Ich spürte diese Sehnsucht, die wir hier im Osten alle hatten, wollte Afrikanistik oder etwas Ähnliches studieren. Doch all das war mir nicht möglich. Da dachte ich, machst du das, was dir vertraut vorkommt. So habe ich also Theologie studiert.


Wie haben Sie das Ende der DDR erlebt?

In der Wendezeit, mein Mann und ich lebten in Potsdam und waren gerade Eltern geworden, gehörten wir nicht unbedingt zu den Allermutigsten. Aber als es auch dort Demonstrationen gab, sind wir mitgegangen. Es war eine Phase, an die ich mich gerne erinnere. Im Rahmen der Möglichkeiten, die die Kirche bot, waren wir schon politisch aktiv. Auch heute finde ich es noch immer wichtig, politisch zu predigen.

 

Politisch predigen zu DDR-Zeiten: Was bedeutete das?

Politisch predigen hieß, die Verhältnisse, in denen wir damals lebten, auch anzusprechen. Und zu wissen, da sitzt irgendjemand im Gemeindesaal oder in meiner Kirche, der da fleißig mitschreibt. Und Dinge anzusprechen, die ich nicht für richtig hielt.


Wodurch unterscheidet sich politisches Predigen damals und heute?

Ich muss keine Angst mehr haben davor, dass mir irgendein Geheimdienst einen Strick aus meinen Worten dreht. Ich habe die Freiheit, und die nehme ich mir auch. Es gibt durchaus Gegenwind, etwa von Leuten, die der Meinung sind, das eine oder andere Thema gehöre nicht auf die Kanzel. Dennoch werde ich mir nicht den Mund verbieten lassen.

 

Ist denn die Reaktion Ihres Publikums heute anders als damals?

Eine gute Frage. Ja, es gibt schon recht viele Zuhörer, die überhaupt nicht reagieren. Das kann ich dann auch deuten. Es gibt bestimmt auch einige in unserer Gemeinde, denen mein Engagement, das ich hier in Jüterbog im Blick auf die Geflüchteten zeige, überhaupt nicht passt.


Schon Anfang der 1990er Jahre war ich in Potsdam zum ersten Mal damit konfrontiert, dass Flüchtlingsheime eingerichtet wurden. Damals war ich noch als Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises Potsdam ehrenamtlich tätig. Heute bin ich Flüchtlings-Seelsorgerin, das ist mein Schwerpunkt. Das ist, was wir als Kirche und was ich in meiner kirchlichen Funktion anbieten kann.


Stellt die Flüchtlingsarbeit möglicherweise eine Verbindung her zu Ihrer Sehnsucht in jungen Jahren, als Sie sehr gerne selbst gereist wären?

Ich kann familiär sogar noch weiter zurückgehen. Mein Großvater war vor seiner Zeit als Superintendent Missionsinspektor bei der Berliner Mission. Er hat Missionare ausgebildet. So etwas prägt doch ein Kind. Wir hatten zuhause eine Ebenholzfigur eines  Afrikaners, die im Wohnzimmer stand. Das alles hat bei mir eine tiefe Sehnsucht nach Welt ausgelöst. Irgendwo muss das ja herkommen.

Würden Sie diese Sehnsucht als Fernweh beschreiben?

Ja, und das habe ich auch heute noch. Das ist noch immer tief in mir. Und es ist immer noch Afrika, wohin es mich zieht.


Zunächst aber war Jüterbog Ihr Ziel?

Das war 2003. Ich kam damals in eine Gemeinde, die sehr engagiert war. Zum Beispiel hatte vor meiner Zeit hier der Gemeinderat einem Kirchenasyl für eine Kenianerin zugestimmt. Es gab in den 1990er Jahren ein Flüchtlingsheim hier. Die Helfergruppe von damals ist zum Teil heute wieder aktiv.


Dann kam das Jahr 2014 …

Da sind dann schon deutlich mehr Flüchtlinge gekommen, so dass der Landkreis entschied, das ehemalige Lehrlingswohnheim im Waldauer Weg mit ungefähr 125 Plätzen wieder als Flüchtlingsheim zu eröffnen. Da erinnerte ich mich an meine Erfahrungen in Potsdam und sagte mir, wir müssen sehen, dass sich jetzt hier eine Gruppe findet, die vor allem auch die Menschen in der Stadt informiert und vorbereitet. Das war die Geburtsstunde der Flüchtlingshilfe Jüterbog.


Auf 2015 waren Sie dann ja relativ gut vorbereitet.

Nein, das hat keiner vorhergesehen. Plötzlich waren hier drei Heime voller Flüchtlinge. In dieser Zeit haben sich intensive Kontakte gebildet, die unsere Gruppe bis heute zusammenhalten. Bei all dem war ich ja nur eine von sehr vielen Helfern. Wäre ich alleine geblieben, hätte ich nicht die Kraft gehabt weiterzumachen. Es entstand schließlich eine Kerngruppe, die seit 2014 aktiv ist. An vielen Orten haben sich Helferkreise ja aufgelöst. Da bin ich sehr glücklich, dass das bei uns nicht der Fall ist.

 

Mut und Widerstandskraft gehörte in Jüterbog ja auch dazu.

Sie meinen wahrscheinlich die Anfeindungen hier. Also wir haben uns nicht beirren lassen. Wir haben einfach weitergemacht, uns nicht einschüchtern lassen, weil wir es nach wie vor für absolut wichtig halten.


Wie kam es überhaupt zu solchen Anfeindungen durch die Verwaltung in Jüterbog?

Die Auseinandersetzungen fanden weniger mit der Verwaltung statt. Dort heißt es auf Anfragen stets, das seien Angelegenheiten des Landkreises. Mit den Flüchtlingen habe man nichts zu tun.
Das gestaltet sich natürlich schwierig. Die Flüchtlinge sind ja Bewohner der Stadt, die genauso im Blick sein müssen wie alle anderen Jüterboger. Es kamen dann sogar Vorwürfe, wir hätten Straftaten von Geflüchteten vereitelt und nicht angezeigt.

Im November 2016 haben wir dann sehr lange an einem Papier gefeilt, in dem wir das Zusammenleben in der Stadt Jüterbog in Leitlinien zusammengefasst haben. Unsere Anregungen sind von der Stadtverordnetenversammlung in Bausch und Bogen abgelehnt worden. Daran trage ich noch immer schwer.


Wir suchen jetzt Verbündete in der Stadt, und die gibt es auch. Wir werden einen ähnlichen Text wie damals formulieren und damit Unterstützung suchen.


Kürzlich haben Sie sich mit Kollegen in den USA ausgetauscht. Danach haben Sie geschrieben: Die Erfahrung hier hat mir gezeigt, dass es gut sein wird weiterzumachen. Hatten Sie vorher ein wenig den Mut verloren hier in Jüterbog?

 

Ja, sicher. Es war schon heftig und sehr persönlich, was mir vor der Abreise in die USA im Hinblick auf meine Flüchtlingsarbeit angelastet wurde. Das wird mich nun aber nicht daran hindern, diese Arbeit fortzuführen. Es hat mich zudem stark beeindruckt zu sehen, was in Amerika alles möglich ist mit der Kampagne „Welcoming America“, der unsere Gastgeber angehörten. Zu sehen, welch enormes Engagement der Zivilgesellschaft sich dort zeigt, hat mir wieder Mut gemacht.

 

Im Jahr 2019 werden Sie in den Ruhestand gehen. Auf welchen Gebieten werden Sie weiterhin tätig sein? Zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe?

Das steht fest. Für alles andere will ich mir erst einmal eine Auszeit nehmen, um zu hören – ich will es mal ganz fromm sagen - wo Gott mich braucht. Ich habe keinen Plan für die Zeit nach Mai 2019. Ich habe Träume, und ich bin unendlich dankbar für meine Gesundheit und meine Schaffenskraft.

 

Lesen Sie hier das Gespräch in voller Länge.

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