„Politische Stimmung begünstigt Rassismus“

Emilene Wopana Mudimu

Ein Foto aus der laufenden H&M-Werbekampagne hat allerorten Empörung ausgelöst. Der Text auf dem T-Shirt eines Kindermodels wurde als rassistisch eingestuft, woraufhin das schwedische Unternehmen die Kampagne gestoppt und auf seiner Webseite eine Entschuldigung angeboten hat. Die in Stockholm lebende Mutter des Kindes hat den Rassismusvorwürfen gegen H&M widersprochen und war daraufhin Schmähungen ausgesetzt.

Vor dem Hintergrund dieses Ereignisses beurteilt die Sozialarbeiterin Emilene Wopana Mudimu den Fall und betrachtet, wie in Deutschland Schwarzen Menschen Rassismus begegnet. 

 

 

 

Esra Ayari: Wie bewerten Sie die Resonanz auf die H&M-Kampagne?

Mudimu: Die Resonanz war sehr groß und sehr weit gestreut. Viele Personen, die sich sonst nicht politisch äußern, haben Statements abgegeben – darunter auch Prominente. Dabei fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus – auch in der People of Color- und Schwarzen Community. Viele Schwarze haben sich gegen die H&M-Kampagne gestellt, aber es gab auch viele, die keine Meinung hatten. Auch gab es solche, die die Kampagne so bewertet haben, dass von den wirklichen Problemen innerhalb der Community abgelenkt wird und H&M eben mit diesem starken Echo nur mehr Publicity bekommt. Wie gesagt: Neu ist nicht die rassistische Darstellung, sondern das starke Echo darauf.

Welches Narrativ wird überhaupt bei dieser Bildsprache und der Aufschrift „Coolest Monkey in the Jungle“ bedient?

Mudimu: Schwarze Menschen wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte rassifiziert und werden es noch immer. Im Zuge von Kolonialisierung wurden sie in verschiedenen Kontexten entmenschlicht. Beispielsweise im Rahmen der Menschenzoos, wo Schwarze von Kolonialherren für ein weißes Publikum zur Schau gestellt und dementsprechend auch unter tierähnlichen Verhältnisse untergebracht und präsentiert wurden.

Außerdem: Im 19. Jahrhundert haben Biologen, Anthropologen sowie Wissenschaftler weiterer Disziplinen versucht, eine Verbindung zwischen Menschen und Affen zu finden und dieses sogenannte „Missing Link“ in Schwarzen Menschen „entdeckt“. Dabei wurden schwarzen Menschen sowohl Eigenschaften von Affen sowie von Menschen, natürlich weißer Menschen, zugewiesen.

Europäische Wissenschaftler nutzen Schwarze Menschen, die in ihren Augen besondere anatomische Merkmale vorwiesen, in dem Rahmen nicht nur als Objekte ihrer Untersuchungen, sondern stellten ihre Untersuchung für einen kleinen Kreis von wohlhabenden weißen Menschen zur Schau.

Es war also in der Kolonialzeit schon ein übliches Narrativ, Schwarze als Affen zu bezeichnen. Viele schwarze Menschen erleben das auch heute noch. Es gibt viele negative Erlebnisse, die man mit diesem Begriff des Affen in Verbindung bringt, die dann auch für jeden eine sehr persönliche und emotionale Ebene hat. Schwarze Menschen werden auch heute in Situationen konfrontiert, in denen sie durch die Verwendung des Begriffs Affe bewusst rassistisch beleidigt werden.

Trotzdem wurden immer wieder Stimmen laut, die H&M-Kampagne sei nicht rassistisch und die Reaktionen übertrieben. Wie ist diese Abwehrhaltung zu verstehen?

Mudimu: Rassismusbezogene Themen werden in dieser Gesellschaft oft auf diese Art und Weise behandelt. Der Meinung derjenigen, die nicht betroffen sind, also die der weißen Mehrheitsgesellschaft, wird oft viel mehr Gewicht zugesprochen als den Stimmen derjenigen, die tatsächlich betroffen sind: Schwarze und People of Colour.

Es fehlt überall an Diversität. Wenn People of Colour und Schwarze in Unternehmen vertreten sind, dann selten in entscheidungstragenden Positionen. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass es überall an Sensibilisierung für rassismuskritische Themen mangelt – es gibt keinen, der sie darauf aufmerksam machen könnte. Das ist sehr gut an der H&M Kampagne erkennbar; daran haben so viele Menschen gearbeitet und sie wurde über mehrere Ebenen gereicht und niemandem soll diese rassistische Darstellung aufgefallen sein?

Kann diese rassismuskritische Haltung in der Mitte der Gesellschaft ankommen?

Mudimu: Die Gesellschaft in Deutschland ist noch sehr weit davon entfernt, rassismuskritisches Denken und Handeln umzusetzen. Das liegt unter anderem daran, dass Rassismuskritik kaum oder gar nicht an Schulen besprochen wird, vor allem nicht im Kontext des Geschichtsunterrichts. Es ist nämlich eine Sache, die Meinung zu vertreten, dass diese Darstellung des Jungen rassistisch ist, aber zu wenige kennen die Begründung hierfür. Es gibt eine zu geringe Auseinandersetzung an Schulen und Bildungsinstitutionen mit dem Thema Rassismus.

So wie in Unternehmen mangelt es auch in Bildungseinrichtungen an People of Colour und Schwarzen Menschen. Natürlich gibt es auch etliche Defizite in der medialen Berichterstattung über Schwarze und People of Colour.

Warum wird mit Rassismus so defizitär umgegangen?

Mudimu: Rassismus ist ein Thema, von dem viele Menschen der Mehrheitsgesellschaft beziehungsweise Weiße sich nicht angesprochen fühlen. Deswegen wird ihr nicht die nötige Relevanz verliehen. Das Selbstverständnis der Gesellschafft insgesamt muss sich ändern.

Oft wird versucht, das Bild zu vermitteln, dass nur was besonders deutsch sei auch zu Deutschland gehöre. Die Debatten über die Leitkultur haben dies wiederholt bestätigt. Wir sind aber eine diverse Gesellschaft, doch genau das ist in dem Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft noch nicht angekommen. Bevor wir also als Gesamtgesellschaft über die verschiedenen Ebenen, sprich über die Schulen, Privatunternehmen und Medieneinrichtungen, etwas erreichen können, müssen die Menschen den Begriff der Gesellschaft umdenken und aufhören, immer wieder Debatten darüber zu führen, was deutsch ist und was nicht.

Wird Rassismus also von der Mehrheitsgesellschaft ganz anders wahrgenommen als von den Betroffenen?

Mudimu: Ja, definitiv. Es herrscht ein starkes Gefälle bei der Wahrnehmung von Rassismus und es besteht starkes Desinteresse seitens der weißen Mehrheitsgesellschaft. Spricht man über Rassismus, wird sogar einem vorgeworfen, dass man sich zu intensiv mit dem Thema auseinandersetzen würde und selber rassistisch sei.

Natürlich gibt es auch Weiße, die sich stark damit auseinandersetzen und sich für diese Themen sensibilisieren, aber oft stagniert es auf der individuellen Ebene. Rassismus sollte aber nicht individuell, sondern strukturell bekämpft werden. Es müssen Workshops über Kultursensibilisierung oder über Critical-Whiteness für bestimmte Berufe, beispielsweise für den Beruf des Lehrers, vorausgesetzt werden. Nur so können wir von einem individualisierten Rassismusproblem zu einer strukturellen Bekämpfung gelangen.

Die H&M-Kampagne ist kein Einzelfall. Sind in Deutschland dennoch, auch aufgrund des aktuellen Aufschreis, Fortschritte in der Rassismusbekämpfung erkennbar?

Mudimu: Das ist schwierig zu sagen. Bewegt man sich in bestimmten Kreisen, dann hat man das Gefühl, dass diejenigen, die sich mit Rassismuskritik beschäftigen, mehr werden. Aber oftmals bleibt man in einer Art Blase. Je mehr man aber aus der Blase rausgeht, merkt man, dass vieles noch im Argen liegt.

Noch vor ein paar Wochen gab es die große Debatte um die Verwendung des N-Wortes eines AfD-Politikers bezogen auf Noah Becker. Für mich war das sehr heftig. Das N-Wort war in meiner Schul- und Jugendzeit stark tabuisiert. Plötzlich ist es aber wieder üblich, dass Politiker es sagen und ausschreiben. Der Tenor ist in jedem Fall rechter geworden.

Stichwort Noah Becker: Auch in den Kommentaren zu der H&M-Kampagne wurde das N-Wort in erschreckend hoher Anzahl ausgeschrieben. Warum gilt es für sehr viele nicht als Tabuwort?
 
Mudimu: Wir haben eine Partei wie die AfD im Bundestag, die bestimmte Narrative vorlebt. Alles was öffentlich vorgelebt wird, wird oft von der Mehrheitsgesellschaft als selbstverständlich genommen und legitimiert. Die politische Stimmung im Land begünstigt die rassistische Sprache. Es gibt unter anderem die sogenannten Wutbürger, die aufgrund der Flüchtlingssituation erbost sind und erschreckende Ressentiments an den Tag legen. Im Zuge dieser Stimmung kann rassistische Sprache stärker gedeihen. Würde der Tenor dahingehend sein, dass man die Meinung vertritt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die multikulturell geprägt ist und wir voneinander lernen und wachsen können, dann wären diese Probleme nicht so stark wie aktuell. Die Sprache ist auch immer das Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Stimmung.

Wie erleben Sie als schwarze Frau den Alltagsrassismus in Deutschland?

Mudimu: Ganz unterschiedlich. Es ist immer wieder überraschend, wie viele davon irritiert sind, dass ich akzentfrei Deutsch sprechen kann. Wenn ich beispielsweise im Rahmen meiner Tätigkeit als Sozialarbeiterin mit Flüchtlingsfamilien in Behörden sitze, wird oft impliziert, dass ich ein Familienmitglied und nicht der Sprache mächtig bin oder nicht weiß, wie behördliche Vorgänge ablaufen. Im Prinzip ist es ein fortwährendes Absprechen von bestimmten Fähigkeiten. Auch sind immer wieder sexistische Mechanismen bezogen auf schwarze Frauen erkennbar. Wir werden mit den Attributen „rassig“, „temperamentvoll“, „laut“ und „sexuell aktiv“ assoziiert und dementsprechend behandelt.

Ich bin auch exzessiv mit rassistischer Sprache konfrontiert, ob es das N-Wort ist oder Sätze wie: „Du gehörst nicht hierhin“. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Deutschland das Land der bösen Blicke ist. Es ist wirklich gruselig, welch misstrauische Blicke mir von Zeit zu Zeit zugeworfen werden. Man ist also nicht nur verbal und medial, sondern auch nonverbal mit Rassismus konfrontiert.


Emilene Wopana Mudimu hat in Köln Erziehungswissenschaften und Afrikanistik studiert. Sie ist als Sozialarbeiterin tätig und begleitet vornehmlich geflüchtete Familien. Zudem betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann den Jugendverein „KingzCorner“ in Aachen. Die Aktivistin gibt regelmäßig Workshops zum Thema Hair-Politics sowie zum Thema  Rassismuskritik.


Die Fragen stelle Esra Ayari, Sprachwissenschaftlerin und leitende Redakteurin des Online-Magazins IslamiQ

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des online-Dienstes MiGAZIN
Erstveröffentlichung in MiGAZIN, 17. Januar 2018

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