„Erst Selbstvertrauen macht Vertrauen möglich“

Eigentlich wollte sich Raida Albajekni mit ihrer Familie in Kanada niederlassen. Berlin, wohin die Familie zunächst aus Libyen reiste, weil ihnen dort die politische Lage keine andere Wahl ließ, sollte nur eine Zwischenstation sein. Dann kam alles anders. Die Familie blieb in Deutschland, erhielt in Luckenwalde politisches Asyl und startete ein neues Leben. Der Anfang war reichlich deprimierend, sagt Raida Albajekni, doch sie wertet diese Zeit als persönlichen Zugewinn. Mittlerweile arbeitet sie in ihrem Beruf als Lehrerin und unterstützt andere Flüchtlinge dabei, sich im deutschen Alltag einzufinden.


Frau Albajekni, Sie stammen aus Libyen, Ihre Eltern lebten aber in der syrischen Hauptstadt Damaskus, als Sie 1963 geboren wurden.

Ja, obwohl ich in Syrien zur Welt kam, habe ich einen libyschen Pass wie meine Eltern. Für mich war es eine sehr prägende Zeit. Als 14-Jährige bin ich 1978 mit meiner Familie nach Tripolis zurückgekehrt, habe dort das Abitur gemacht und ein Studium begonnen. Ich habe an der pädagogischen Fakultät einen Abschluss in englischer und arabischer Sprache gemacht. Als Lehrerin wollte ich damals aber trotzdem nicht arbeiten.

Welche Pläne hatten Sie?

Ich hatte eigentlich keinen klaren Plan. Ich wollte nur eins: nach Syrien zurückgehen, in Libyen fühlte ich mich kaum zuhause. Am besten gefielen mir Menschen, die einen weiten Horizont hatten und die Welt außerhalb Libyens kannten.

Da liegt es nah, selber auch nach draußen zu blicken.

In meiner Studienzeit war ich häufig unterwegs: Großbritannien, Deutschland, mehrere Male Österreich, Schweiz, Ungarn, immer wieder Syrien,  Jordanien, eine Zeitlang auch Tunesien.

Ihr Ehemann stammt aus dem Irak.

Ja, gemeinsame Freunde haben dafür gesorgt, dass wir uns wie zufällig trafen. Einen Libyer hätte ich wohl auf keinen Fall heiraten wollen. Für eine Frau ist das nach unserer Tradition damit verbunden, in einer anderen Familie völlig aufzugehen. Das hätte ich nicht gekonnt.

Sie haben sich in Libyen beruflich und privat eingerichtet – trotz Fernweh.

Wir haben uns sogar ein Haus gebaut. Als Angestellte einer Erdöl-Firma verdiente ich gut, weil ich Englisch sprach. Und mit dem zusätzlichen Verdienst meines Mannes, er ist Techniker, führten wir mit unseren beiden Kindern ein durchaus angenehmes Leben in Tripolis.

Dann kam das Jahr 2011 …

Wir waren gerade zehn Jahre verheiratet, da wurde die politische Situation immer undurchsichtiger und chaotischer. Ich hatte zunehmend Angst um meine Tochter und meinen Sohn. Damals kam es nicht selten vor, dass Kinder besser situierter Eltern entführt wurden, um ein Lösegeld zu erpressen.

Für mich persönlich gab es aus Sorge um meine Familie keine andere Wahl, als nun doch das Land zu verlassen. Nur mein Mann wollte unbedingt bleiben. Er konnte sich einen Neuanfang als Asylbewerber in einem fremden Land einfach nicht vorstellen.

Und schließlich sind Sie in Deutschland gelandet.

Wir hatten ein so genanntes Schengen-Visum, mit dem wir von Deutschland aus die Einreise nach Kanada beantragen wollten. Zunächst reisten wir nach Berlin und haben dort eine Zeitlang möbliert gewohnt.

Sie waren damals gleichsam Berlin-Touristen.

Ja, das kann man sagen. Als dann unser Visum ablief, erfuhren wir, dass eigentlich die kanadische Botschaft in Wien für uns zuständig sei und dass es durchaus zwei Jahre dauern könne, bis so ein Antrag alle Hürden genommen hat.

Mein Mann wollte daraufhin gleich nach Libyen zurückkehren, aber die Sicherheitslage hatte sich dort dramatisch verschlechtert. Also blieb uns nur, in Deutschland um Asyl nachzufragen. So landeten wir zunächst für zwei Monate in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt und kamen von dort schließlich nach Luckenwalde, wo wir heute leben.

Damaskus, Tripolis, eine Zeitlang auch Tunis, dann Berlin. Eine kleine Kreisstadt wie Luckenwalde bietet da ungleich weniger.

Die erste Zeit verbrachten wir auch hier in einem Wohnheim. Das war für mich recht bedrückend. Hier lebten bunt gewürfelt zahlreiche Menschen zusammen, darunter auch viele, mit denen ich in meinem früheren Leben kaum Berührungspunkte hatte. Die Alltagsprobleme, die daraus entstanden, waren für mich schwer zu ertragen. Ich war ziemlich deprimiert, mein Mann auch.

Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis ich langsam begriff: Ich bin ein Flüchtling wie alle anderen Heimbewohner. Das wollte ich anfangs nicht wahrhaben. Mir wurde auch klar, dass die Deutschen mich in die gleiche Schublade stecken würden wie die übrigen Flüchtlinge im Heim.

Wissen Sie, ich musste regelrecht umdenken. Im Wohnheim hatte ich kaum Vertraute. Dann wurde mir klar, ich bin tatsächlich in derselben Lage wie sie, auch wenn ich vermutlich einen günstigeren Bildungshintergrund hatte als viele der anderen Asylbewerber.

Heute sage ich: Diese Erkenntnis war wichtig für mich. Ich sehe mich in einem anderen Licht. Die Erfahrungen im Wohnheim haben mir gezeigt, wir gehören zusammen, wir alle müssen aus unserem Leben das Beste machen.


Konnten Sie diese Erkenntnis für sich selbst verwirklichen?

2012 bekamen wir eine eigene Wohnung. Mittlerweile hatte ich auch die ersten Deutschkurse belegt, und meine Sprachkenntnisse wurden immer besser. Dann lernte ich Christiane Witt kennen, die Integrationsbeauftrage des Landkreises Teltow-Fläming. Sie fragte mich, ob ich nicht andere Flüchtlinge mit schlechten Sprachkenntnissen begleiten wolle etwa zu Behörden-Terminen, ins Job-Center, oder ihnen beim Ausfüllen von Formularen helfen könne.

So begann ich, als Sprach-Mittlerin zu arbeiten. Ich muss sagen, dass mir Frau Witt so aus meiner damaligen depressiven Phase herausgeholfen hat. Ich hatte endlich eine Gelegenheit, mich in diese Gesellschaft einzubringen. Hinzu kommt, dass durch diese Tätigkeit mein Deutsch immer besser wurde. Aber das Wichtigste: Ich fühlte, meine Würde zurückzuerlangen.

Sie erzählten, Lehrerin zu werden, sei eigentlich nicht Ihr Traumziel gewesen. Nun waren Sie Lehrerin.

Ja, das war dann 2014. Ich hatte ein sechsmonatiges Ausbildungstraining bei der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie besucht, um zum Beispiel selbst Integrationskurse geben zu können.

Danach habe ich in Luckenwalde ein arabischsprachiges Projekt zum Thema Identität und Sprache geleitet. Dahinter steht die Erkenntnis, dass es einfacher ist, eine Fremdsprache zu erlernen, wenn man in der eigenen Muttersprache zuhause ist. Nur wem die eigene Sprache und Kultur vertraut sind, der kann eine fundierte Identität entwickeln. Erst dann ist es möglich, eine fremde Sprache und Kultur zu akzeptieren. Insofern schafft erst das Selbstvertrauen ein Vertrauen in andere.

Heute unterrichte ich eine Willkommensklasse, in die Flüchtlingskinder und andere fremdsprachige Schüler aufgenommen werden, bis sie so gut deutsch verstehen, dass sie in reguläre Klassen wechseln können.

Worum geht es in den Willkommensklassen?

Natürlich geht es in meinem Unterricht nicht nur um Deutschkenntnisse und Schulstoff. Es geht auch darum, den Kindern das Alltagsleben in Deutschland zu vermitteln. Ich hoffe, dass ich auch künftig als Lehrerin arbeiten kann.

Ist Kanada noch immer eine Option?

Nein. Kanada ist weit weg, meine Kinder sind hier integriert, mein Sohn steht vor dem Abitur, meine Tochter geht in die zehnte Klasse. Zu Deutschland gibt es für uns keine Alternative, es sei denn, wir könnten eines Tages nach Libyen zurückkehren. Doch das sieht im Moment nicht danach aus.

Mit meiner Familie in Tripolis tausche ich mich fast täglich über das Internet aus. Meine Schwester schickt Videos und Fotos, so kann ich mir ein Bild davon machen, wie es auf den Straßen der Stadt aussieht.

Würden Sie sagen: angekommen?

Ich denke manchmal, die Deutschen vertrauen uns Flüchtlingen nicht wirklich. Es ist ja wahr: Wir brauchen ein bisschen Geduld. Flüchtlinge brauchen Zeit, um den deutschen Alltag mit all seinen Regeln, auch die Kultur hier kennenzulernen und zu verstehen. Wenn ich zum Beispiel jemanden treffen will, muss ich vorher einen Termin vereinbaren. Dort, wo ich herkomme, ist das anders. Dort gehe ich einfach hin. So etwas zu lernen, ist nicht leicht für uns.

Lesen Sie hier das Gespräch in voller Länge.

 

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