Geflüchtete Menschen auf dem Land

Foto: Ibrahim Rifath/Unsplash

Bei der Betrachtung von Flucht und Migration nach Deutschland steht in der Regel die Zuwanderung in städtische Zentren im Mittelpunkt. Zu Unrecht, sagen viele, die es wissen müssen, denn immerhin leben allein 40 Prozent Geflüchteter mit Schutzstatus (T. Weidinger) in ländlichen Regionen.

Das Nachsehen haben Behörden in Landgemeinden, ehrenamtlich Aktive und Hauptamtliche in Wohnstätten, denn Expertise von außen tut not.

Ein Netzwerk junger Wissenschaftler und Forscherinnen will Abhilfe schaffen. Im Projekt "Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Räumen" betrachten und analysieren sie die Lage in Landgemeinden und geben Handlungsempfehlungen.


Eine Materialsammlung

Ländliche Gemeinden und ihre Verwaltungen haben bis zum Jahr 2015 in der Regel kaum Erfahrung mit Zuwanderung gemacht. In der Studie "Lokale Migrationspolitik in ländlichen Regionen Deutschlands" untersterstreicht Hannes Schammann von der Universität Hildesheim die Schlüsselrolle politischer Mandatspersonen etwa im  Bürgermeisteramt und Gemeindevorstand. Auf diesen Personenkreis könne es ankommen, wenn es darum gehe, in der örtlichen Gemeinschaft Akzeptanz für Entscheidungen im Integrationsgeschehen zu finden.

Hannes Schammann, Christin Younso und Diana Meschter
Lokale Migrationspolitik in ländlichen Regionen Deutschlands: Ausgangspunkte für empirische Forschung
Braunschweig (Thünen Working Paper 142) 2020


Viele ländliche Gemeinden machten nach 2015 erstmals Erfahrung mit dem Zuzug von Asylsuchenden, ihrer Unterbringung und Integration in die Gemeinschaft. Dabei unterscheiden sich die Gegebenheiten in den Gemeinden drastisch voneinander. Immerhin schwankt der Bevölkerungsanteil Zugezogener in ländlichen Kommunen zwischen knapp zwei Prozent und nahezu einem Drittel der Bewohnerschaft.

Diana Meschter
"Auf dem Dorf hast du einen Namen, in der Stadt eine Nummer" – Geflüchtete in ländlichen Räumen
Bundeszentrale für politische Bildung, 2020


Für ihre im April dieses Jahres erschienene Studie zum Thema "Gesellschaftliche Einstellungen in ländlichen Räumen gegenüber Neuzugewanderten"
hat das Team von drei Wissenschaftlerinnen um Hanne Schneider von der Technischen Universität Chemnitz über 900 Personen in ländlichen Regionen verschiedener Bundesländer befragt. Dabei habe sich gezeigt, dass kaum verallgemeindernde Aussagen über Einstellungen ländlicher Bevölkerung zur Zuwanderung getroffen werden können. Auch sei es noch zu früh festzustellen, ob die Zuwanderung der vergangenen Jahre zu größerer Toleranz und Akzeptanz geführt habe

Hanne Schneider, Miriam Bürer, Birgit Glorius
Gesellschaftliche Einstellungen in ländlichen Räumen gegenüber Neuzugewanderten: Befragungsergebnisse und regionale Spezifika
Braunschweig (Thünen Working Paper 174) 2021


Ebenfalls von der TU Chemnitz stammt die Untersuchung zur "Einstellung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen in ländlichen Räumen"
. Die Autorinnen haben in Gesprächen mit Personen aus "Politik  und  Verwaltung,  Vereinen,  dem  Bildungsbereich,  Lokaljournalismus sowie  Wohlfahrtsverbänden  und  Kirchengemeinden" ermitten wollen, mit welchen Selbstverständnis Angehörige dieser Gruppen auf ihr Engagement blicken. Die Analyse zielt darauf ab, später "Handlungsempfehlungen  hinsichtlich  einer  positiven  und  proaktiven  Handlungsorientierung zu entwickeln".

Miriam Bürer, Birgit Glorius, Hanne Schneider, Simone Gasch
Handlungsorientierungen, Integrationspraktiken und Einstellungen zivilgesellschaftlicher Akteur*innen in ländlichen Räumen
Braunschweig (Thünen Working Paper 167) 2021


MeltingPod heißt eine Podcastreihe von Nachwuchswissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen, die sich der Integrations- und Migrationsforschung widmen. Kürzlich war der Geograph Tobias Weidinger, Universität Erlangen, bei MeltigPod zu Gast und berichtete von Perspektiven und Erfahrungen Geflüchteter in ländlichen Wohnorten im Rahmen eines Forschungsprojekts über die "Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Räumen".

Tobias Weidinger über (Flucht-)Migration in ländlichen Räumen und das Forschen auf dem Land
zum Thema ab Minute 04.40


Von Tobias Weidinger stammt auch die Betrachtung zur Perspektive Geflüchteter auf das Leben auf dem Land: "Was denken Geflüchtete über das Leben in ländlichen Räumen? Möchten sie bleiben oder weiterwandern?" Immerhin entscheidet sich eine durchaus nennenswerte Zahl von Geflüchteten für ein Leben auf dem Land, manche kehren sogar der Stadt den Rücken, um sich - wieder - auf dem Land anzusiedeln.

Tobias Weidinger und Stefan Kordel
Chancen und Herausforderungen des Lebens auf dem Land.
Bundeszentrale für politische Bildung, 2020


Die Kurz-Expertise der Robert Bosch Stiftung zum Thema "Fördermittel für die Integrationsarbeit" richtet sich an Mittelgeber und Förderinstitutionen sowie an private Stiftungen. Der befragte Personenkreis ist sich mehrheitlich einig in der Forderung nach einer Entbürokratisierung bei der Abwicklung von Anträgen. Idealerweise sollte eine Kommune mit einem einzigen Antrag an die Landesbehörde Mittel für ein örtliches Integrationspaket einholen können. Am Ende könnten Mittel voraussichtlich so effizienter eingesetzt werden.

Robert Bosch Stiftung
Fördermittel für die Integrationsarbeit  in ländlichen Kreisen und Gemeinden
Alles Gold, was glänzt?
Stuttgart 2021


In einer weiteren Kurz-Expertise der Robert Bosch Stiftung geben die Autoren  Stefan Kordel und Tobias Weidinger zehn Handlungsempfehlungen zum Thema Vielfalt von Zuwanderung in ländlichen Räumen. Während der Anteil der Bevölkerung in ländlichen Kreisen an der Gesamtbevölkerung leicht gesunken ist, ist der Anteil aus anderen Ländern Zugezogener vergleichsweise kräftig gewachsen.

Robert Bosch Stiftung
Vielfalt von Zuwanderung und Entwicklung ländlicher Räume
Stuttgart 2020


Weitere Informationsquellen


Die Webseite "Zukunft in ländlichen Räumen" wird vom Johann Heinrich von Thünen-Institut verantwortet. Das Institut koordiniert ein interdisziplinäres Projekt „Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Räumen Deutschlands“, an dem Wissenschaftler und Forscherinnen mehrerer Bildungseinrichtungen beteiligt sind. In ihren Forschungen gehen sie der Frage nach, "unter welchen Voraussetzungen und wie humanitäres Engagement und ländliche Entwicklung erfolgreich verbunden werden können, und wie dies von Politik und Zivilgesellschaft positiv beeinflusst werden kann".

"Das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) fördert Modellprojekte und -regionen, Wettbewerbe, Forschung und den Wissenstransfer. Die Menschen vor Ort machen ländliche Regionen zu dynamischen Zukunftslaboren für die Entwicklung unserer Gesellschaft." (BULE)

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