"Haltung zeigen"

Flüchtlingshilfe Jüterbog plant Forum zur Fünfjahres-Bilanz

Als vor fünf Jahren viele tausend Menschen auf der Flucht über die österreichische Grenze nach Deutschland kamen, war die Flüchtlingshilfe Jüterbog nicht unvorbereitet. Erst wenige Monate zuvor hatten sich Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai zusammengetan, um ehrenamtlich Sozialarbeit in der Stadt zu leisten. Ein Flüchtlingsheim, das zu jener Zeit in Jüterbog eingerichtet wurde, gab dann den Ausschlag.

Um über den Kirchenkreis hinaus weitere Mitstreiter zu gewinnen, gab die Gruppe um die damalige Pfarrerin Mechtild Falk eine Zeitungsanzeige auf. Als erster meldete sich der US-Amerikaner Joseph Curtis, der seit knapp zwei Jahren in Jüterbog wohnte und in Berlin an der John F. Kennedy School Musik unterrichtet. Inzwischen hat die Flüchtlingshilfe Jüterbog eine stattliche Anzahl an Mitwirkenden, und Mechtild Falk gibt sich keine Mühe, ihren Stolz zu verbergen, dass die Initiative im Gegensatz zu vielen ähnlichen Gruppen, die sich damals gebildet hatten, bis auf den heutigen Tag aktiv ist.

Mechtild Falk

Ihre Aufgabe sahen die Mitglieder in der Anfangszeit darin, Lotsen für die Neuangekommenen zu sein, sie bei den ersten Schritten zu unterstützen und so Wege zu ebnen, sich am neuen Ort zurechtzufinden und trotz vieler Hürden im Alltag zu bestehen. Eine gemeinsame Teestube bot Einheimischen und Geflüchteten Gelegenheit, voneinander zu erfahren – auch wenn das Angebot von den angestammten Bürgern der Stadt zunächst eher zögerlich angenommen wurde.

2020: Im sechsten Gründungsjahr – 2018 hatte die Flüchtlingshilfe das „Band für Mut und Verständigung“ der brandenburgischen Landesregierung erhalten – war in der Jüterboger Wiesenhalle eine Zusammenkunft geplant, die Geflüchtete, ehrenamtliche Helfer und interessierte Bürger der Stadt zusammenbringen sollte. Vorgesehen war der 24. Oktober. Keine Jubiläumsfeier, vielmehr ein Forum zur Bilanz und zur Vorbereitung auf das nächste halbe Jahrzehnt. Doch die Pandemie hat die Pläne fürs Erste durchkreuzt.

Werner Simonsmeier

Aufgeschoben ja, aufgehoben nein: „Wir wollen beim Forum im kommenden Jahr mit möglichst vielen Menschen sprechen, auch mit solchen, die die Flüchtlingshilfe immer noch kritisch beäugen“, meint Werner Simonsmeier, in dessen Händen die Organisation liegt. Eine Reihe von Moderatorinnen sind gewonnen worden, die aus ihrer jeweiligen Zuständigkeit Thementische betreuen, an denen die Forumsbesucher miteinander in Gespräch kommen. Eine Bilanz der vergangenen Jahre soll Aufschluss darüber geben, welche Schwerpunkte künftig gesetzt werden sollen.

Nicht allen Geflüchteten erschloss sich der Nutzen des Forums auf Anhieb. Simonsmeier: "Es fiel nicht so leicht, Migranten und Migrantinnen zur Teilnahme zu gewinnen, denn sie hatten teils den Eindruck, das Treffen sei eigentlich für die deutschen Helfer bestimmt und es beträfe sie nicht so sehr." Doch das ist das kleinere Problem.

Mechtild Falk, bei der auch nach ihrer Pensionierung die Fäden der Flüchtlingshilfe zusammenlaufen, nennt als Leitidee der gemeinsamen Arbeit, Haltung zu zeigen: „Hier gibt es gewisse Dinge, wo wir sagen: Stop. In Sachen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit wollen wir dafür sorgen, dass das hier in dieser Stadt einfach keinen Platz hat.“

Und – im Gegensatz zu zahlreichen Mitarbeitern der Stadtverwaltung – gehe ausgerechnet von der politischen Spitze Jüterbogs Engstirnigkeit und Behinderung der Flüchtlingsarbeit aus. Vielfach verbürgt ist, dass Bürgermeister Arne Raue kein Hehl aus völkischer Gesinnung und einem beklagenswerten Hang zu herabwürdigendem Vokabular gegenüber Menschen macht, die in Jüterbog und anderswo nach Flucht und Vertreibung eine Bleibe gefunden haben.

Joseph Curtis

Joseph Curtis gehört der Flüchtlingshilfe bis auf den heutigen Tag an und hat gemeinsam mit seinen Mitstreitern manch raue Töne aus rechtslastigen Milieus der Stadt ertragen. Der Jüterboger aus Arizona hat ein Auge auf die Eigenarten des deutschen Alltags und kann so Zugezogenen behilflich sein, Fremdheit zu überwinden und Hürden abzubauen. Er sagt, wem in seinem Leben die Erfahrungen Geflüchteter erspart geblieben seien, der sei gut beraten, dieses Glück mit anderen zu teilen. Es scheint, als könnte sich Bürgermeister Arne Raue bei Joseph Curtis manche Anregung holen.

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