Die Macht der Sprache

Unsere Wahrnehmung der Welt um uns wird maßgeblich von unserer Sprache beeinflusst - und kann uns anfällig für Beeinflussung machen. In ihrem Kommentar beschreibt die Linguistin Clara Herdeanu, wie die völkisch-antibürgerliche Rechte sich dieser Wirkungsweise bedient und damit demokratische Umgangsformen torpedienrt.

 


„Es wird eine Sprache angewendet – sowohl in der Politik als auch in der Kunst- und Musikwelt – die eine Angstsprache ist. Es ist eine Angstsprache, es ist eine Schrumpfsprache. (…) Die Sprache ist schon mit das Allerwichtigste. Und die Sprache, mit der wir heutzutage hantieren, ist wirklich erbärmlich.“

Mit diesen Worten legt Igor Levit, applaudierter Starpianist mit russischen Wurzeln, in einem aktuellen Deutschlandfunk-Interview den Finger in die offene Wunde des gesellschaftlichen Diskurses. Doch warum ist die Art und Weise, wie wir über die Welt um uns herum sprechen, überhaupt relevant? Wir bilden mit Sprache doch nur die Welt um uns herum ab – oder?

Und genau hier liegt der Hund begraben. Denn Sprache ist keineswegs ein neutrales Abbild der Welt. Im Gegenteil: Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung der Welt, unser Denken und damit auch unser Handeln. Sprache verändert die Welt um uns herum. Und das nicht nur in den Momenten, in denen wir durch unser „Ja“ vor dem Traualtar unseren Familienstatus umändern.

Gerade weil wir selten darüber nachdenken, wie Sprache unser Denken beeinflusst, sind wir auch empfänglich für Manipulationen. Besonders gut verstanden haben dies autoritäre Systeme wie das Dritte Reich oder der Sozialismus in den ehemaligen Ostblockstaaten. Deshalb erstaunt und erschreckt es umso mehr, wenn sich in den heutigen öffentlichen Diskurs quasi durch die Hintertür wieder Vokabeln und Sprachphänomene menschenverachtender Ideologien einschleichen.

Besondere Vertreter auf dieser Bühne des diskreditierenden Sprachgebrauchs: die AfD und Pegida. Bezeichnend sind dabei nicht nur die offensichtlichen Unwörter des Jahres wie Lügenpresse und Volksverräter, deren nationalsozialistischer Hintergrund bereits mehrfach thematisiert wurde. Es sind auch vermeintlich weniger auffällige Formulierungen und komplexere Phänomene der Sprachstruktur und Inhaltsebene, die eine menschenfeindliche Ideologie positionieren.

In den vergangenen Wochen stach dazu besonders das abgebrochene ZDF-Interview mit Björn Höcke hervor. Auf der Metaebene konfrontierte der Journalist den thüringischen AfD-Vorsitzenden mit seinem Sprachgebrauch. Warum benutze Höcke Formulierungen wie Keimzelle des Volkes, entartet, Volksverderber und Lebensraum, wenn er doch die Geschichte dieser Ausdrücke kenne?

„Worte können sein wie winzige Arsendosen:
Sie werden unbemerkt verschluckt,

sie scheinen keine Wirkung zu tun,
und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Höcke verfolgt in seiner Antwort eine zweigleisige Rechtfertigungsstrategie: Zum einen versucht er abzustreiten, dass es zahllose wissenschaftliche Analysen zur NS-Sprache gibt. Zum anderen rechtfertigt er sich damit, dass es alle diese Begriffe (…) davor genauso wie danach in den verschiedenen Fachbereichen wie zum Beispiel der Biologie bereits gegeben hätte – und weist dabei paradoxerweise auf ein in der Forschung ausführlich beschriebenes Merkmal der Sprache zum und im Nationalsozialismus hin. Denn „im Selbstverständnis wie in der Wortwahl erheben antisemitische Texte Anspruch auf ‚Wissenschaftlichkeit‘. (…) Die wichtigste und typischste Erscheinung des antisemitischen Wortschatzes ist die Biologisierung“, wie dies der Germanist Christoph Cobet 1973 bereits über den „Wortschatz des Antisemitismus in der Bismarckzeit“ schrieb.

Eine weitere Parallele zwischen dem historischen Sprachgebrauch auf dem Weg zum Nationalsozialismus sowie jenem der AfD: Höcke beschwört mit seiner Interview-Formulierung, dieses Land leidet unter der Herrschaft der politischen Korrektheit, einen Opfermythos herbei. „Die ausschließlich positiv bewertete Eigengruppe ist als leidendes Objekt den Mächten und Machenschaften des bekämpften Feindbereichs ausgeliefert“ beschreibt der Linguistikprofessor Wolfgang Sauer dieses Phänomen bereits 1978 in seiner Untersuchung „Der Sprachgebrauch von Nationalsozialisten vor 1933“. Mit Hilfe dieser Angstsprache soll geteilt, soll aufgestachelt werden.

Man muss nicht tief in den Sprachgebrauch der AfD eintauchen, um festzustellen, dass bestimmte Formulierungen formelhaft immer wieder fallen: Altparteien, Herrschaft der politischen Korrektheit, Lebensraum etc. sind nur einige Beispiele hierfür. Und auch hier lassen sich Parallelen zur Geschichte ziehen, die Sauer deutlich benennt: „Die Nationalsozialisten verwenden immer wieder die gleichen Formeln, wiederholen dieselben Sätze, benutzen typische Wortketten, wenige Worte in immer gleicher Weise, um agitatorische Wirkung zu entfachen“.

Wissenschaftliche Analysen zeigen auf: Die menschenverachtende Ideologie kristallisierte sich bereits vor der NS-Zeit in der Sprache heraus – und bereitete damit den Nährboden für die darauffolgenden grauenhaften Verbrechen. Nicht umsonst mahnte bereits Victor Klemperer deshalb in seinem Werk LTI - Notizbuch eines Philologen: „Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Foto: KD Busch
Foto: KD Busch

Dr. Clara Herdeanu ist Linguistin und Kommunikationsexpertin. Das Spannungsverhältnis von Sprache, Macht und Medien steht im Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Sie lebt in Berlin, wo sie sich ehrenamtlich bei Scientists for Future engagiert und im Publikumsorchester des Konzerthauses musiziert.


Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Quelle: MiGAZIN, 17. Oktober 2019

Zurück