Auf ein Eis nach Gibraltar

Einen nicht alltäglichen Selbstversuch haben Evi und Dieter Kotras aus Teltow-Fläming hinter sich. Mit ihrem 40 Jahre alten, umgebauten Bücherbus machten sie sich auf die Reise durch Europa und Nordafrika, um mit Menschen zusammenzutreffen und sich einmal dem eigenen Fremdsein auszusetzen.

Für den Bauingenieur und seine Frau steht fest: Vor allem die persönliche Begegnung ist der Weg, das eine oder andere Vorurteil zu überwinden. Unabdingbare Voraussetzung sind Toleranz und Respekt, sagt Dieter Kotras. Und es kann auch nicht schaden, im Bus einen Sack voll Clownsnasen mitzuführen und einen Dachlautsprecher an Bord zu haben, denn Musik verbindet die Menschen. Für Kotras heißt das: Reggae-Musik.

Ein Jahr und 29 Länder später stellt Dieter Kotras fest: „Unser wichtigstes Ziel war, Menschen kennenzulernen. Und das ist uns gelungen.“ Angefangen hatte übrigens alles vor vier Jahren, als das Paar auf die treffliche Idee kam, doch mal auf ein Eis nach Gibraltar zu fahren - und dazu einen beachtlichen Umweg zu nehmen.

Frage: Wie entstand Ihr Plan, ein Jahr lang in Europa unterwegs zu sein?

Dieter Kotras: Wir haben das vor vier Jahren bereits geplant, einfach weil wir mal eine längere Auszeit nehmen wollten. Und schon war die Idee geboren – gleichsam nach der Devise: Lass uns nach Gibraltar fahren, ein Eis essen. Bis Gibraltar ist es ja eine ziemliche Strecke, also nahmen wir uns viel Zeit.

Durch Zufall entdeckte ich zum Umbau einen 40 Jahre alten Bus, der viele Jahre als fahrende Bibliothek gedient hatte und genau das war, was ich mir für die Reise vorstellte.

In welchen Ländern sind Sie gewesen?

Insgesamt 29 Länder haben wir mit dem Bus besucht und dafür rund 30.000 Kilometer zurückgelegt. Unter anderem waren wir in Ungarn, Rumänien, in der Türkei, in Albanien, Kroatien, Kosovo, Serbien, Italien und über Portugal und Spanien schließlich auch eine Zeitlang in Marokko.

Ihr Ziel war ja, auf Ihrer Reise mit Menschen in Kontakt zu kommen. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Ein Beispiel: In Albanien musste ich auf einer engen Straße mit dem Bus ausweichen, landete im Gebüsch, und dabei brach meine Außenspiegel ab. So einen großen Bus ohne Spiegel zu navigieren, wäre eine ziemliche Herausforderung geworden. Glücklicherweise gab es im nächsten Ort eine Werkstatt, in der sich ein paar Männer aufhielten. Obwohl es Sonntagnachmittag war, haben sie mir sofort geholfen. Nach rund zweieinhalb Stunden war der Spiegel wieder dran. Als ich sie dafür bezahlen wollte, waren sie fast beleidigt.

Auch im Kosovo hatten wir ein wunderbares Erlebnis. Wir trafen auf eine interessante Moschee und haben sie uns lange von außen angeschaut, weil wir nicht wussten, ob wir sie betreten durften. Es dauerte eine Weile, da kam  ein Mann auf uns zu und fragte in perfektem Deutsch, ob wir beide, also auch meine Frau, die Moschee von innen sehen möchten. Das hat mir wieder gezeigt, wenn man ein bisschen Abstand hält, Respekt zeigt und den Menschen Zeit gibt zu reagieren statt gleich selbst die Tür aufzumachen und reinzulaufen, erfährt man im Gegenzug ebenfalls Toleranz und Respekt. Dieser Mann hat sich sehr viel Zeit genommen, uns seine Moschee zu zeigen.

Sie waren in Rumänien, das Land hat bei vielen keinen guten Ruf. Wie erging es Ihnen hier?

Rumänien ist ein sehr schönes Land, aber bei uns mit dem Makel belegt, man müsse dort besonders auf Diebstahl achten. Das konnten wir überhaupt nicht bestätigen. Im Gegenteil: Dort haben wir vor allem angenehme Erfahrungen gemacht. In Sibiu (Hermannstadt) zum Beispiel stellten wir unseren Bus im Dunkeln zum Übernachten auf einem fast leeren Parkplatz ab. Als wir frühmorgens munter wurden, waren wir von rund 30 Polizeiautos umringt. Wir hatten uns auf den offiziellen Polizeiparkplatz gestellt. Was geschah nun? Man hat uns sehr freundlich herausgelotst und eine gute Weiterfahrt gewünscht.

Mit welchen Erwartungen hatten Sie Ihre Reise eigentlich gestartet?

Grundsätzlich bin ich positiv eingestellt, lasse die Sachen auf mich zukommen. Für mich hat jeder Mensch einen Bonus an Toleranz und Respekt. Ob er diesen Bonus dann behält, liegt daran, wie er sich verhält. Es hat sich herausgestellt, dass wir diese Toleranz und diesen Respekt immer auch zurückbekommen haben. Wenn man schon mit Vorbehalten herangeht, muss man doch damit rechnen, dass Vorbehalte immer auch erwidert werden.

Wie ist Ihre Reise, die ja mit diesem bunten Bus recht ungewöhnlich war, unterwegs bei den Leuten angekommen?

Wir hatten gleich einen riesen Bonus, weil der Bus ja von allen Seiten mit Sonnenblumen bemalt ist. Das hat bei vielen schon ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, sobald sie uns sahen. Außerdem hatten wir auf dem Dach einen Lautsprecher installiert und oft die Musik gespielt, die in den Ländern typisch ist, in denen wir uns gerade aufhielten. Was übrigens länderübergreifend sehr gut ankam, war Reggae-Musik. Manche haben uns im Takt der Musik zugewunken und sich offensichtlich gefreut. Wir haben auch rote Clownsnasen mitgenommen und verteilt. Das war immer ein Grund für Heiterkeit.

In der Türkei haben wir damit besonders großen Erfolg gehabt. Eigentlich war meine Frau von dem Plan, dorthin zu fahren, nicht so angetan. Hinter der Landesgrenze kam es uns tatsächlich etwas bedrohlich vor - sehr viel Polizei und jede Menge Militär. Wir sind dann etwa hundert Kilometer ins Landesinnere gefahren, von der Autobahn abgebogen und kamen in eine Kleinstadt, als wir dort auf eine Hochzeitsgesellschaft trafen.

Es hat keine fünf Minuten gedauert, da waren wir mittendrin. Obwohl wir völlig fremd waren, hat uns die Familie gleich eingeladen mitzufeiern. Irgendjemand sprach sogar deutsch und hat uns alles erklärt. Wir sind völlig vorbehaltlos mit offenen Armen aufgenommen worden. Dann haben wir die roten Nasen verteilt. Das war ein richtiger Renner.

Hinzu kommt, dass wir an der Frontscheibe des Busses immer einen Zettel in der jeweiligen Landessprache angebracht hatten mit dem Satz: Das Leben ist schön. Das wirkte wie ein Türöffner.

 

Ein Jahr lang waren Sie Ausländer, wo immer Sie hinkamen. Wie haben sich die Einheimischen Ihnen gegenüber verhalten?

Wir waren als Ausländer fast immer in kleinen Orten oder am Strand abseits der Touristenströme. Wir hatten nie das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Ich habe mich in der Tat nicht als Ausländer, sondern als Gast gefühlt. Das ist ein ganz anderer Begriff, der besagt, dass man auch willkommen ist. Und ich muss sagen, ich habe mich manchmal geschämt, warum wir Deutschen das bei uns nicht in die Reihe kriegen. Warum wir so darauf achten, beispielsweise welche Hautfarbe jemand hat. Entscheidend ist doch der Mensch, oder?

Ich trete den Leuten ja grundsätzlich mit Respekt gegenüber, toleriere ihre Art und Weise zu leben. Wichtig ist mir, wie sich mein Gegenüber verhält. Mit dieser Einstellung haben wir auf unserer Reise gute Erfahrung gemacht.


Die meisten Vorurteile entstehen ja durch Hörensagen und kaum durch Selbsterlebtes. Deshalb meine ich, man sollte selbst Erfahrungen sammeln und auf andere respektvoll zugehen. Das funktioniert. In diesem Sinn weiß ich: Reisen lohnt sich, zum einen, um Menschen kennenzulernen, aber auch, um Vorurteile abzubauen. Ob man sich nun auf Reisen in entferntere Länder begibt oder ob man bei uns mit Zugewanderten aus allerlei Ländern zusammentrifft, macht keinen so großen Unterschied, finde ich.

Vorurteile sind langlebig.

Es ist wohl so: Mit Vorurteilen lebt es sich anscheinend leichter, und es ist doch eigentlich schade, an Vorurteilen zu hängen. Denn eins ist klar: Vorurteile belasten auch. Ich lebe viel freier, wenn ich keine Bürde an vorgefassten und verqueren Ideen trage. Auf jemanden zuzugehen, ist bereits der erste Schritt, Vorurteile zu revidieren.

Im Übrigen: In manchen Ländern hat uns die Lebenssituation der Menschen auch ein Verständnis dafür gegeben, dass viele die Chance ergreifen wollen, eine Zukunft etwa in unseren Ländern hier aufzubauen. Und wir unsererseits brauchen ja Leute in vielen Berufen. Aber richtig ist auch, dass viele Menschen bei uns unvorbereitet und mit Ängsten vor solchen Erwartungen stehen. Aber aus Sorgen oder gar Angst wird leicht Hass oder Wut, und dann erreicht man das Gegenteil.

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