Nicht Welle, sondern Chance

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Die Migration nach Europa ist unsere Zukunft. Doch Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder  „Asylforderer“ machen Angst. Wie können wir über den Bevölkerungswandel sprechen, damit  er als Chance begriffen wird? Denn das Meer sollte Hoffnung machen – an allen Ufern.

Von Nikolaus Gelpke

Seit je verlassen Menschen ihre Länder, wagen sich mit Booten über das Meer und erhoffen sich die Aufnahme in einer besseren Welt. Sie flüchten vor Kriegen, politischen oder religiösen Repressalien wie auch vor Hungersnöten und Verelendung aufgrund klimatischer Katastrophen.

Seit über einem halben Jahrhundert verschlechtern sich die Lebensbedingungen in vielen Ländern Afrikas, zunehmend auch im Nahen und Mittleren Osten. Der Klimawandel ist ein nicht umkehrbarer und auch ein absehbar nicht endender Prozess, der maßgeblich zu dieser Migration beiträgt. Die daraus folgenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notsituationen sind neben anhaltenden Kriegen – oft um Rohstoffe wie Öl oder Erze für Industrienationen – die bleibenden und sich verschärfenden wichtigsten Gründe  für die aktuelle Flucht der Menschen über das Mittelmeer zu uns und bleibt dies mindestens auch für einige weitere Jahrzehnte.

Der Journalist Stephen Smith, der Afrikanistik an der Duke University in North Carolina, USA, lehrt, veröffentlichte 2018 ein aufsehenerregendes Buch, aus dem Emmanuel Macron zitiert, wenn er über die Zukunft Europas spricht. Es heißt „Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent“. Darin äußert Smith folgende provokante These: „In etwa dreißig Jahren wird ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung Europas afrikanischer Herkunft sein.“ Demnach wären dies 150 Millionen bis 200 Millionen immigrierte Menschen, heute sind es neun Millionen.

Selbst wenn das Szenario nur zum Teil eintritt, müssen wir zu dieser grundsätzlichen Entwicklung eine Haltung einnehmen. Wie der Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Wissenschaftspublikation „World Ocean Review 5“ über die Wahrscheinlichkeit einer steigenden Immigration von Klimaflüchtlingen in Europa anmerkte, würden unsere moralischen und ethischen Überzeugungen dabei auf den Prüfstand gestellt, da damit eine tiefgreifende Veränderung unserer bisherigen europäischen Gesellschaft einhergehe. Schon die jetzige, relativ geringe Anzahl von Flüchtlingen zeigt, dass wir ohne eine Haltung dazu und dem Bewusstsein für die Veränderungen in Europa uns der Gefahr aussetzen, dass wir den populistischen Kräften deren Sprache und ihnen somit das Handeln überlassen.

Sprachgebrauch, letztlich der Sprachmissbrauch ist ein frühes Indiz, wenn gesellschaftliche Veränderungen zu anderen Wahrnehmungen und somit auch anderen Handlungen führen. Der Romanist und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer schuf eine profunde Bestandsaufnahme der Sprache im Nationalsozialismus. Er vertritt darin die These, dass weniger einzelne Wörter oder Reden den größten Eindruck in der Bevölkerung hinterließen, sondern die stereotypen Wiederholungen. Interessant dabei ist auch, wie Klemperer zeigte, dass der Sprachgebrauch der Nationalsozialisten vor allem darauf zielte, solche zu erreichen, die noch nicht Parteimitglieder waren. Eine Suggestion mit unfassbarer Wirkung.

Die Penetranz der Redundanz als erfolgreiches sprachliches Machtmittel zeigt sich auch gegenwärtig, wenn immer öfter von „Asylforderern“ oder „Asyltourismus“ gesprochen wird. Oder wenn der US-Präsident mittels Twitter, an seiner Partei und seinen Beraterstäben vorbei, direkt kommuniziert und so Millionen beeinflusst. Die Penetranz der sozialen Medien ist dabei ein unheilvolles und in seinem Beeinflussungspotenzial noch unterschätztes Kommunikationsmittel. Der Sprachmissbrauch ist wieder im Aufwind, seine darauf fußende Suggestion erreicht immer mehr Menschen.

Allein der Begriff „Flüchtling“ macht die Veränderung einer Wahrnehmung deutlich. Etwa 50 Millionen Amerikaner können sich auf deutsche Wurzeln beziehen, also auf Auswanderer, die vor allem im 19. Jahrhundert das Deutsche Reich oder den Deutschen Bund verließen. Auswanderer? Es waren Wirtschaftsflüchtlinge, die während der Gründerkrise ab etwa 1880 vor der Arbeitslosigkeit flohen, aber auch politische Flüchtlinge, die nach dem Scheitern der Revolution von 1848 in Massen in die USA und nach Australien emigrierten. „Forty-Eighters“ wurden die Revolutionsflüchtlinge dort genannt. In diesem Zusammenhang ist der Begriff „Flüchtling“ noch absolut positiv konnotiert, der Begriff „Auswanderer“ erst recht.

Der Begriff „Flüchtling“ wird zurzeit immer negativer, mithin als Bedrohung wahrgenommen. Durch Begriffe und Formulierungen wie „Flüchtlingswelle“, „Flut von Flüchtlingen“, „Flüchtlingskriminalität“ etc., inzwischen selbst in öffentlich-rechtlichen Medienbeiträgen, bekommt das Wort etwas Beängstigendes, Negatives. Was für ein Bedeutungswandel des Fluchtbegriffs!

Ob Auswanderer oder Flüchtlinge, fast immer führte und führt der Weg über das Meer. Niemand bezweifelt, wie wichtig die 30 Kilometer zwischen Calais und Dover für unzählige Juden waren. Der schmale Kanal bedeutete Rettung, und die Häfen Lissabons oder Marseilles waren letzte Hoffnungsorte. Von 1918 bis 1945 verloren 50 bis 60 Millionen Europäer ihre Heimat, fast zehn Prozent der Bevölkerung des Kontinents, die meisten flohen über das Meer.

Atlantik und Ärmelkanal als Symbole für Rettung, Hoffnung, Zukunft und Glück. Das kann man zurzeit über das Mittelmeer leider kaum mehr behaupten. Es ist zum Symbol für Flüchtlinge geworden und wird somit auch schon negativ wahrgenommen. Höchstens als ein gewisser Schutz vor noch mehr Flüchtenden taugt es für Menschen, die ihr traditionelles Europa gefährdet sehen. Das Meer und die Auswanderer, beide sind auf dem besten Weg, als Hoffnungsträger ausgedient zu haben. Genauso, wie die Gründe der Flucht vergessen werden. Menschen werden immer weniger als Opfer lebensfeindlicher Umstände wahrgenommen, die oft tödliche Flucht hingegen immer öfter als gewöhnliche Reise. Auch da findet ein verheerender Wandel in der Wahrnehmung des Meeres und der Menschen statt, die ihr Leben wagen (und viel zu oft dabei verlieren), um noch größeren Gefahren in ihrer Heimat zu entkommen.

Die zynische Entwicklung dabei in Europa ist, dass Menschen, die Flüchtlinge vor dem sicheren Ertrinken retten, inzwischen nicht nur daran gehindert, sondern sogar gerichtlich verfolgt werden. Europäische Länder klagen Retter an, die die wichtigste seemännische Pflicht erfüllen, das Retten von  in Seenot Geratenen. Diese Pflicht ist auch rechtlich durch mehrere internationale Abkommen gesichert, wird aber inzwischen von einigen europäischen Küstenländern wie Italien oder Griechenland mittels hanebüchener Gesetzesänderungen geahndet. Europa lässt Menschen absichtlich und wissentlich ertrinken.

Wenn nicht nur das Auswandern im vorletzten Jahrhundert und das Glück der Flucht über das Meer vor 70 Jahren inzwischen sprachlich und in seiner Bedeutung missbraucht und vergessen (und auch verhöhnt?) wird, sondern wenn vor allem jetzt selbst das tausendfache elende Ertrinken, das fürchterliche Sterben der Menschen auf dem Meer von einer wachsenden Anzahl von Bürgern Europas hingenommen wird und die Ursachen der Flucht verharmlost werden (wie kann man Krieg verharmlosen?), dann kann man sich ausmalen, was diese erst fordern, wenn sich die Prognosen Stephen Smith’ auch nur teilweise erfüllen.

Was können wir tun? Flüchtlinge nicht aus Seenot zu retten, in dem Glauben, das schrecke Menschen vor einer Überfahrt ab – das ist nicht nur zynisch und böse. Immigration verhindern durch unterlassene Hilfeleistung ist auch schlicht kaum möglich. (Das Beispiel Australiens zeigt jedoch, dass diese Form der Abschreckung mindestens bei einem Kontinent funktioniert, der nicht den millionenfachen Andrang von Menschen erfährt, sondern eine geringere Anzahl an Flüchtenden mit der hohen Wahrscheinlichkeit des Sterbens vor der Überfahrt inzwischen abschreckt.) Die Not der Flüchtenden und deren Anzahl auf dem Mittelmeer sind zu groß.

Richtig ist, dass wir die Umstände in den Herkunftsländern verbessern müssen. Das bedeutet aber ein grundsätzliches Umschwenken unserer eurozentrischen und US-zentrischen Sichtweise und Lebensart im realen Kapitalismus. Dass sich dieser inzwischen auch in Russland und China in besonders ausgeprägter Form durchgesetzt hat und darunter insbesondere der afrikanische Kontinent leidet, indem er weiterhin gnadenlos ausgebeutet wird, ist eine zynische Entwicklung.

Denn die Ausbeutung von Natur und Menschen in südlichen Ländern ist eine seiner Grundlagen und eine der Hauptursachen für die anhaltenden Kriege in Afrika. (Südsudan zum Beispiel produziert unser Öl und Gas und erhält von uns auch noch die Waffen, um den Verteilungskampf darüber zu führen – ein doppelter Gewinn für die Industrieländer.) Vor allem muss aber die Klimaveränderung, die zur Versteppung und Wasserarmut in vielen Teilen Afrikas führt, gestoppt werden. Schon allein diese beiden Forderungen scheinen in Anbetracht unseres dem Kapital folgenden Nordens nicht in absehbarer Zeit umsetzbar. Trotzdem muss der Prozess geführt werden.

Was wir aber sofort machen können und müssen, ist, uns zu ändern. Wir müssen wieder die Empathie über die Angst –  oder gar den Hass – Oberhand gewinnen lassen. Das einzelne Schicksal von Menschen in Not, auch in Seenot, muss anstelle der negativen Symbolik von „Welle“ und „Flut“ treten. Ohne Empathie geht es nicht.

Wenn Francis Bacon in seiner Schrift „Nova Atlantis“ noch eine utopische Insel beschrieb, die sich gegen die ganze Welt abschirmt und möglichst keine Fremden ins Land lässt, damit die Ordnung nicht gestört werde, entspricht das dem falschen Weg. Hoffnungen machen da eher Philosophen wie Herder, der die Mischung der verschiedenen ethnischen und kulturellen Einflüsse als Grundlage für Europa erkannte – eine vielgestaltige Einheit. Sie war für Herder auch die Basis für die Idee der Humanität, die eine Verbindung von Divergenz und friedlichem Zusammenleben verlangt.

Und Hegel erklärt, dass die nationale Einheit der Griechen erst durch die Überwindung der Fremdartigkeit in sich selbst die Ursache war. Er begründet das mit deren Kontakt zu fremden Völkern über das Meer. Nur die Überwindung führt zum bewussten, selbstständigen Geist. Das verbindende Meer als Einladung für ein besseres Leben!

Die Zeit des abgeschirmten weißen Europas ist vorbei. Städte wie London oder Paris mit ihren seit Jahrzehnten sich entwickelnden ethnischen Gruppen zeigen, wo die Gefahren darin sind, aber auch die Chancen. Das Meer wieder als Hoffnung, als Chance wahrzunehmen für ein neues, vielfältigeres Leben aufgrund der Verbindung zu anderen Kulturen und anderen Ideen ist kein einfacher und kurzer Weg, aber der einzig sinnvolle.

 

Nikolaus Gelpke, 1962 in Zürich geboren, ist Verleger des mareverlags und Chefredakteur der Zeitschrift mare.

Auf Anregung von Elisabeth Mann Borgese studierte er Meeresbiologie an der Universität Kiel. Nach dem Diplom führte seine Leidenschaft für die See zur Idee von mare.

Nikolaus Gelpke ist Initiator des World Ocean Review, der seit 2010 jährlich erscheint. Er ist Präsident der Ocean Science and Research Foundation und des International Ocean Institute sowie Schirmherr der GAME am GEOMAR in Kiel. Außerdem ist er Mitglied im Beirat der Deutschen Umweltstiftung und im Evaluationsteam des Exzellenzclusters "Ozean der Zukunft" in Kiel.

 

Die Kulturzeitschrift mare erscheint zweimonatlich und widmet sich dem Lebensraum der Meere.
Die jüngste Ausgabe hat den Schwerpunkt "Flucht und Hoffnung - Wege aus der Tragödie".
Die LAP-Redaktion freut sich über die Zustimmung Nikolas Gelpkes, seinen Leitartikel zum Themenschwerpunkt hier wiedergeben zu dürfen.

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