Raue Töne aus Jüterbog

In der Kindertagesstätte „Spiel mit“ in Jüterbog gibt es seit einem Jahr einen Sprachbaum, mit dessen Hilfe die „alltagsintegrierte sprachliche Bildung“ der Kinder gefördert werden soll. So sieht es das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ vor, dessen Motto lautet: „Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“.

 

Da versteht es sich von selbst, dass die Abteilung Schulen und Bildung der Jüterboger Stadtverwaltung besondere Sorgfalt walten lässt, etwa bei der Auswahl geeigneter Praktikantinnen für eine Tätigkeit in der Kita.

Die Gewissenhaftigkeit der Behörde traf nun die 15-jährige Schülerin Roaa Alhaj Ali, die sich im November vergangenen Jahres um ein Februar-Praktikum bei „Spiel mit“ beworben hatte. Die Behörde prüfte das Ansinnen der jungen Frau aus Syrien ausgiebig und ließ sich auch durch schriftliche wie mündliche Nachfragen nicht in ihrer Sorgfaltspflicht beirren. Nach mehrwöchigem Abwägen schickte das Rathaus der Schülerin schließlich eine Absage mit der Begründung, ihre Sprachkenntnisse seien für die zu erwartenden Aufgaben nicht ausreichend.

Roaa Alhaj Ali war vor zwei Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen, lebt mit Eltern und drei Geschwistern in Jüterbog und besucht die Luckenwalder Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule. Nach dem ersten Jahr in der so genannten Willkommensklasse sprach sie bereits „sehr gut Deutsch“, erinnert sich ihre Lehrerin Carsta Scherneck, die Roaa auch bei der Suche nach einem Praktikumsplatz geholfen hat. Zur Absage der zuständigen Jüterboger Behörde meint Frau Scherneck: „Eine beschämende Begründung, erst recht, weil sie nicht stimmt.“

Kann es sein, dass eine unfehlbare Behörde wie das Rathaus von Jüterbog eine Aussage trifft, die nicht nach allen Regeln der Verwaltungskunst geprüft wurde? Ist es nicht durchaus denkbar, dass das Team der Abteilung Schulen und Bildung - Eigendarstellung: „steht Ihnen jederzeit helfend zur Seite“ – auch ohne persönlichen Kontakt zu der Bewerberin deren schlechte Deutschkenntnisse hat attestieren können? Die Fragen bleiben unbeantwortet, denn weder die zuständige Stelle noch Bürgermeister Arne Raue konnten bislang gegenüber der Presse zu einer Auskunft bewegt werden.

Und so schleichen sich Gedanken ein.

Im vergangenen Jahr hatte Roaa ein dreiwöchiges Praktikum im evangelischen Kindergarten St. Nikolai absolviert. Dessen Leiterin Ina Freydank erinnert sich: Die Zeit sei sowohl für die junge Muslimin als auch für die Kinder und Erzieher eine Bereicherung gewesen, sagte sie gegenüber der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Und das, obwohl der evangelische Kindergarten wohl noch nicht einmal einen Sprachbaum hat. (US)

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