"So wird mir schon ganz mulmig zumute"

Offener Brief an russlanddeutsche Aussiedler

In einem Offenen Brief an ihre russlanddeutschen Landsleute beklagt die Frankfurter Kommunalpolitikerin Albina Nazarenus-Vetter die Neigung unter Aussiedlern zu rechtsradikalen Parteien und Organisationen. Auch wenn die Unterstützung beispielsweise der AfD aus dem russlanddeutschen Bevölkerungsteil kaum höher als im bundesdeutschen Durchschnitt liegt, zeigt sich die 43-jährige CDU-Poltikerin „wütend, weil dieser Rechtsruck auch innerhalb unserer Gruppe ein verheerendes Bild auf uns wirft“.


Auslöser für ihre Äußerung ist nicht zuletzt die Fernsehdokumentation „Deutschland – Heimat – Fremdes Land“ vom 26. Februar, die sich der Frage widmete, warum manche Russlanddeutsche rechten Parolen gegenüber empfänglich sind.

Nazarenus-Vetter war 1994 als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen. Seit Juli 2017 ist sie Stadträtin in Frankfurt am Main und seit 2013 Geschäftsführerin des hessischen Zweigs der Deutschen Jugend aus Russland (DJR). Wir dokumentieren den Offenen Brief in einer leicht gekürzten Fassung:


Sind wir tatsächlich so rechts, wie wir uns geben?


Die ganze Republik beklagt gerade einen klaren Rechtsruck. Die letzten Umfragen zeigen die AfD in einigen Bundesländern sogar als zweitstärkste politische Kraft. Ein Grund zur Sorge? Und wie! Denn es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass diese Partei ein Sammelbecken für fremdenfeindliche, islamophobe, antisemitische, rassistische bzw. frauenfeindliche Einstellungen ist. Es vergeht kaum eine Woche, in der einer der Parteifunktionäre nicht mit rassistischen Äußerungen für Schlagzeilen sorgen würde. Dies natürlich mit einer klaren Berechnung, um Stimmen einzufangen, Ressentiments zu wecken und Ängste zu schüren, die es leider bei manchen Wählern gibt. Bedauerlicherweise auch immer mehr unter meinen Landsleuten.

Aber Rassismus ist in Deutschland keine harmlose Sache, Rassismus hat in Deutschland (und darüber hinaus) zu Millionen Todesopfern geführt und darf in Deutschland nie wieder salonfähig bzw. ein Teil des politischen Diskurses werden! Denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Halbstarken der AfD ihre Worte in Taten umsetzen und zur Gewalt gegen alle Andersgläubigen, Andersdenkenden, Andersaussehenden ausrufen werden.

Ich frage mich schon lange und ernsthaft, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet meine Landsleute, die ich immer für sehr vernünftig, besonnen, barmherzig, geprägt durch christliche Werte hielt, plötzlich verstärkte Affinitäten zu nationalistischen und fremdenfeindlichen Parteien bzw. Strömungen hegen können, deren politische Agenda geprägt ist von Hetzte, Hass, Aggressionen. In der UdSSR selbst Teil einer Minderheit, die zahlreichen Repressalien und Diskriminierungen ausgesetzt war, schrecken diese Deutschen aus Russland plötzlich nicht mehr davor zurück, vor dem Kanzleramt mit NPD-Fahnen zu demonstrieren und in sozialen Medien gegen Moslems, Homosexuelle, Flüchtlinge und andere Minderheiten zu hetzten.

Zuerst dachte ich, es ist nur ein einmaliger emotionaler Ausbruch, der mit dem Fall Lisa aus Berlin in Verbindung gebracht werden konnte. Wobei ich auch schon da erschrocken war von dieser geladenen, aggressiven Stimmung, die davon ausging. Seitdem vergeht jedoch kaum eine Woche, ohne dass wir medial im Fokus stehen und mit dem Erstarken der AfD in Verbindung gebracht werden würden. Zu Recht?

Wenn ich von meinen einheimischen Freunden, Kollegen, Nachbarn gefragt werde, was der Grund für diese Einstellungen sei, so tue ich mich schwer, eine rasche und plausible Erklärung dazu abzugeben. Denn selbstverständlich stelle ich mich erst mal instinktiv sofort beschützend vor meine Landsleute, wie ich es schon immer getan habe. Ich erzähle dann von vielen Hoffnungen und Enttäuschungen, die meine Landsleute bei der Integration in Kauf nehmen mussten: dass sie als „Russen“ abgestempelt wurden, dass viele noch unter einer Identitätskrise leiden würden, dass deren Abschlüsse nicht anerkannt worden seien, dass viele ältere Menschen von Altersarmut betroffen wären, dass immer noch Familien auseinander gerissen seien, dass sie Angst vor der Globalisierung und Überfremdung hätten und vor dem Verlust ihrer endlich wieder gefundenen Heimat. Und dass sich die politisch Verantwortlichen zu wenig um diese Gruppe gekümmert hätten, da sie davon ausgingen, es würde schon laufen.

Im selben Atemzug erzähle ich aber auch von beispielhaften Leistungen, die meine Landsleute trotz aller Hindernisse bei ihrer Integration innerhalb kürzester Zeit erbracht haben. Und, dass man auf gar keinen Fall pauschalisieren dürfe, und dass die Deutschen aus Russland keine homogene Gruppe seien, sondern wie bei jeder anderen Bevölkerungsgruppe es solche und solche gäbe, und die meisten sehr zufrieden mit ihrem Leben in einem freien Land seien, zu dem sie sich zu hundert Prozent bekennen würden.

Auf der anderen Seite, wenn ich dann wiederum die ganze Entwicklung der letzten zwei Jahre nach dem Fall Lisa und der rasanten Entwicklung der AfD, nicht zuletzt dank der Unterstützung aus den Reihen der Deutschen aus Russland (ich brauche dafür keine Beweise, die auf soziologischen Untersuchungen basieren, es reicht mir, wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre und einen Blick in die russischsprachigen sozialen Medien werfe!) reflektiere, so wird mir schon ganz mulmig zumute. Nein, mich packt richtig die Wut!

Ich bin wütend, weil dieser Rechtsruck auch innerhalb unserer Gruppe ein verheerendes Bild auf uns wirft. Nicht nur, weil es die ganze erfolgreiche Integrationsarbeit, die seit Jahrzehnten von dem größten Teil unserer Landsleute geleistet wurde, zunichtemacht, sondern auch, weil es zu einer gewissen Entfremdung und einem Vertrauensbruch gegenüber der Gesellschaft und so zu noch mehr Verunsicherung führt.

 

Ich rufe Sie, liebe Landsleute, dazu auf, geschlossen gegen diese Bevormundung von den nationalistischen und rassistischen Kräften und das Abdriften an den rechten Rand aufzutreten! Unsere Demokratie braucht Menschen, die selbstbestimmt, eigenverantwortlich und gemeinwohlorientiert handeln und sich in das politische Leben einbringen.

 

Zur vollständigen Fassung des Offenen Briefes hier und hier

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