Teltow-Fläming beim "Welcoming Communities Transatlantic Exchange" in den USA - Teil 2

 

Gemeinsam mit Vertretern aus anderen deutschen Städten und Gemeinden nimmt der Landkreis Teltow-Fläming derzeit am 3. transatlantischen Treffen der "Willkommensgemeinden" in den USA teil.

 

Die elftägige Reise der Integrationsfachleute gibt Gelegenheit, die praktische Seite der Migrations- und Flüchtlingspolitik der USA kennenzulernen.

 

Dazu sind Treffen mit offiziellen Stellen sowie mit zivilgesellschaftlichen Initiativen geplant.

 

Lesen Sie hier Einzelheiten über den Verlauf der Reise und die Erfahrungen der Experten aus Teltow-Fläming. Eine Einleitung zu dem Programm und den Organisatoren lesen Sie hier und hier

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28. April 2018

Nach achtstündigem Flug landen die WCTE18-Teilnehmer am frühen Nachmittag in Washington. Will, der Vertreter von Cultural Vistas in Berlin, der die Gruppe begleitet, und Rachel hatten ganze Arbeit bei der Vorbereitung geleistet. Ein unübersehbares Transparent empfängt die Gruppe aus Deutschland – so kann niemand im Gewirr des Hauptstadt-Flughafens verloren gehen.

Bei der Sicherheitsprüfung durch die bekanntlich wenig humorigen Beamten gibt ein Teilnehmer der Reisegruppe ein bescheidenes Späßchen zum Besten, was die Befragung zur Person gleich kräftig in die Länge zieht. Da wiegt die Banane im Handgepäck eines anderen Teilnehmers als Importdelikt von Lebensmitteln schon weniger schwer.

Die Möglichkeit, eine Einreise in die USA bereits zu Hause online zu beantragen – das seit 2008 gültige ESTA-Verfahren – scheint noch nicht überall Geltung zu haben – jedenfalls interessiert sich keiner der Kontrolleure dafür. Stattdessen legt man Wert auf intensive Befragung und eifriges Scannen der Reisepässe.

Washington Monument

Das kann der Stimmung in der Reisegruppe allerdings keinen Abbruch tun und so begeben sich die Teilnehmer nach den üblichen Formalitäten im Hotel auf die geplante Washington-Besichtigungstour. Der Weg führt über die National Mall in Richtung Potomac-River und man gewinnt den Eindruck, als bestünde die US-Hauptstadt vornehmlich aus Gedenkstätten und üppigen Präsidenten-Denkmälern. Vor dem riesigen Washington-Memorial hält sich nur eine Handvoll Besucher auf, weil das Gebäude wegen Renovierung bis zum nächsten Jahr geschlossen ist.

Vorbei geht es am Lincoln Memorial, wo Martin Luther King vor 55 Jahren seine berühmte Rede („Ich habe einen Traum“) gehalten hat, zur Gedenkstätte Zweiter Weltkrieg, die überraschenderweise erst im Jahr 2004 eröffnet wurde. Da hat man sich der getöteten Soldaten des Vietnamkrieges wesentlich früher erinnert und unweit des Lincoln-Memorials Anfang der achtziger Jahre eine Gedenkstätte eröffnet.

Bei so viel bombastischer Historie überrascht es kaum, dass einige Teilnehmer ermüdet auf den Rest der Tour verzichten und sich im Taxi auf die Rückfahrt zum Hotel begeben. Der Fahrer ist ein freundlicher Herr: Als das laufende Rundfunkprogramm eine Trump-Rede zu übertragen beginnt, wechselt er verständnisvoll den Sender.

29. April 2018

„Die Art und Weise, wie wir hier willkommen geheißen und wertgeschätzt werden, wie Dinge wie selbstverständlich positiv begleitet werden, wobei stets Wert auf Anerkennung und positive Verstärkung gelegt wird, ist phänomenal.“ So fasst Gerd Herpay aus Teltow-Fläming den Eindruck des ersten Arbeitstages in Washington zusammen.

Bevor die Reisenden aus Deutschland sich in den nächsten Tagen in kleineren Gruppen an verschiedenen Orten in den USA über Praxis-Erfahrungen in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit austauschen, war der erste gemeinsame Tag dem Thema „positive Kommunikation“ gewidmet.

Gerd Herpay fasst die vermittelten Erkenntnisse zusammen: „Mir ist dabei klar geworden, welch wichtige Rolle ein positiver professionell geführter Diskurs spielt und welch wichtigen Beitrag hierfür vor allem auch die Jugendhilfe zu leisten vermag.

Das sozialpädagogische Know-how des reframing, der Abkehr von einer Problemtrance zu einer lösungsfokussierten Strategie, der Herstellung einer compliance durch Erkennen emotionaler Trigger sowie komplexitätsreduzierender wie -erweiternder Narrative sind skills, die eines Transfers vom Einzelsetting in der Hilfeplanung zu einer gemeinwesenorientierten Öffentlichkeitsarbeit bedürfen.

Nicht die Problemlagen verstärken, sondern die Möglichkeiten in den Vordergrund stellen, Kommunikation immer als reziproken Prozess zu begreifen, Auseinandersetzung dialogisch zu führen und die Menschen als verantwortliche Akteure zu begreifen, das sind Ansätze, die allgemeingültig sind und sowohl im Einzelsetting als auch auf der Ebene des kommunalen Networking und einer Öffentlichkeitsarbeit eminent wichtig sind. Der Transfer von der individuellen Ebene in die kommunale Praxis ist keine leichte Aufgabe, aber machbar.“

 

 

Pfarrerin Mechthild Falk, die in der Flüchtlingshilfe Jüterbog aktiv ist, lässt den ersten Arbeitstag in Washington Revue passieren und schreibt:

 

"Sowohl der Austausch mit den Amerikanern als auch mit den anderen Deutschen ist höchst interessant und bereichernd. Ich sprach z.B. den ganzen Abend mit einer russlanddeutschen Sozialarbeiterin aus Hamburg und mit einer Lehrerin aus Bautzen, die sich ehrenamtlich um Patenschaften mit Flüchtlingen kümmert.

 

So viele Leute haben ein gemeinsames Ziel: die Neuhinzukommenden und die aufnehmende Gesellschaft (ich finde allein diesen Begriff viel offener als "Einheimische") zusammenzubringen.

 

 

 

Wie schwer das ist, wissen alle, aber gestern ging es vor allem auch darum, wie es gelingen kann und dass es enorm wichtig ist, dieses dann auch zu kommunizieren.


'Eine Nation von Nachbarn schaffen' ist der  wunderbare Slogan, der auch mein Credo und meine Motivation in der Flüchtlingsarbeit beschreibt. Dieser Slogan ist Handlungsziel einer Nichtregierungsorgansation, von der wir gestern viel hörten.

Dieses nationale Netzwerk "Welcoming Amerika" beeindruckt mich sehr. Dass sind eben auch die USA - und nicht nur Trump. Und das gilt es, in Deutschkand bekannt zu machen."

Materialien

Das Video ist Teil eines umfassenderen Bildungsangebots, das sich an Akteurinnen und Akteure richtet, die die Migrationsdebatte positiv beeinflussen und populistische Rhetorik erfolgreich abwehren wollen. Wie können Schuldnarrative unterbunden und Inklusion und Vielfalt in der Debatte effektiver herausgestellt werden?

Zwei Drittel der Deutschen sind laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung davon überzeugt, dass Zuwanderung nach Deutschland zulasten der Sozialsysteme erfolgt. Die Frage steht also im Raum: Sind Ausländer tatsächlich eine Belastung für den deutschen Sozialstaat? Ein Blick auf die Fakten schafft Klarheit:

 

Der Beitrag von Ausländern und künftiger Zuwanderung zum deutschen Staatshaushalt

 

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30. April 2018

Vorträge und Diskussionsrunden im Wechsel mit einer Menge an Informationen, Analysen, Fakten und Ausblicken bot der heutige Tag in Washington. Nach der Begrüßung durch Vertreter der einladenden Organisationen, des Nordamerika-Büros der Heinrich Böll Stiftung auf deutscher Seite und der Organisation Cultural Vistas, führte Akram R. Elias zurück an die Wurzeln des Siedlerstaates und leitete daraus historisch das Verhältnis von Staat, Bürgergesellschaft und Wirtschaft in den Vereinigten Staaten von heute ab.

In seiner Einführung leuchtete der Politikberater auch das Beziehungsfeld Regierung, Bundesstaaten und untere Verwaltungen sowie die Gewaltenteilung zwischen Präsident und Kongress (Repräsentantenhaus und Senat) aus. Schließlich berührte sein Vortrag auch aktuelle Konfliktthemen wie die Auseinandersetzungen um die Gesundheitsreform von Ex-Präsident Barack Obama (Obamacare) und die so genannte Dreamerdebatte, bei der es um die Einbürgerung von 1,8 Millionen illegal ins Land gekommenen jungen Einwanderern geht.

Elias, der in seiner Tätigkeit immer wieder den Ausgleich unterschiedlicher kultureller Bedingungen betont, ging auch auf die Machtfülle des Präsidenten (Executive order) ein, aber auch auf die Begrenztheit,  Widersprüchlichkeit und Unterschiedlichkeit von Haltungen und Gesetzesauslegung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, die nicht zuletzt auch eine komplexe Gemengelage der amerikanischen Flüchtlingspolitik bedingen.

Im zweiten Vortrag gab Randy Capps, Sozialwissenschaftler und Forschungsleiter beim Migration Policy Institute in Washington einen Überblick über die Entwicklung der Einwanderung in der jüngeren amerikanischen Geschichte, die Einwanderungspolitik der derzeitigen Regierung und deren Auswirkungen.

 

Danach stand die Arbeit des Büros für Flüchtlings-Resettlements, der Einwanderungsbehörde  und des Migrationsdienstes sowie deren Programme auf der Tagesordnung. Die Referenten Ken Tota, Kiera Berdinner und Laura Patching hatten als Mitarbeiter des Einwanderungsdienstes und des Gesundheitsministeriums nutzbringende Erfahrungen auf dem Gebiet der Verwaltung in Migrationsfragen vorzutragen.

Eine soziologische Untersuchung zu demographischen Trends und Verschiebungen der religiösen Gruppierungen intergenerationell und ethnisch zeigte tiefgreifende Dynamiken und Veränderungen. Dan Cox, Forschungsleiter beim Public Religion Research Institute in Washington folgerte daraus Erklärungsansätze des politischen Kurswechsels nach Obama.

Schließlich analysierte Karlyn Bowman, Mitarbeiterin des American Enterprise Institute die wachsende Diversität der amerikanischen Gesellschaft. Sie beleuchtete Haltungen und Entscheidungen auf seiten der Regierung vor dem Hintergrund des demographischen Wandels in den USA.

 

In der anschließenden Debatte bemerkten die Teilnehmer eine Ähnlichkeit der derzeitigen politischen Verhältnisse in den USA mit dem europäischen Phänomen des Rechtsentwicklung und der versuchten Eroberung des politischen Diskurses durch populistische einfache Erklärungsmuster, die Angst vor einer weiteren Verarmung einer abgehängten weißen Mitttelschicht auf der einen Seite, jedoch auch eines breiten Widerstandes in der amerikanischen Gesellschaft und einer Vielzahl von Menschen, die Immigration als Chance begreifen und nicht als Bedrohung, die auf Integration und nicht auf Abgrenzung setzen und ein anderes - positives Amerika – repräsentieren.

 

Einblicke in dieses andere Amerika werden die Teilnehmer aus Deutschland in den kommenden Tagen an verschiedenen Orten in den USA nehmen können.

 

Materialien

Susan Downs-Karkos, Leiterin der Abteilung Außenbeziehungen bei Welcoming America, hat zum Thema Willkommenskultur mehrere Publikationen vorgelegt und auch Praxisanleitungen verfasst:

Susan Downs-Karkos
A Transatlantic Perspective
Welcoming Cities and the Policy and Practice of Refugee and Immigrant Integration
American Institute for Contemporary German Studies, Juni 2016

Susan Downs-Karkos
The Receiving Communities Toolkit:
A Guide for Engaging Maintream America in Immigrant Integration
Spring Institute for Intercultural Learning and Welcoming America

 

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