Teltow-Fläming beim "Welcoming Communities Transatlantic Exchange" in den USA - Teil 4

 

Gemeinsam mit Vertretern aus anderen deutschen Städten und Gemeinden nimmt der Landkreis Teltow-Fläming derzeit am 3. transatlantischen Treffen der "Willkommensgemeinden" in den USA teil.

 

Die elftägige Reise der Integrationsfachleute gibt Gelegenheit, die praktische Seite der Migrations- und Flüchtlingspolitik der USA kennenzulernen.

 

Dazu sind Treffen mit offiziellen Stellen sowie mit zivilgesellschaftlichen Initiativen geplant.

 

Lesen Sie hier Einzelheiten über den Verlauf der Reise und die Erfahrungen der Experten aus Teltow-Fläming. Eine Einleitung zu dem Programm und den Organisatoren lesen Sie hier und hier

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4. Mai 2018

Letzte Station: Anchorage

Die deutschen Teilnehmer des diesjährigen "Welcoming Communities Transatlantic Exchange" sind auf ihrer letzten Reisestation in Anchorage/Alaska eingetroffen. Die fünf Mitglieder aus Teltow-Fläming hatten zuvor drei Tage lang einzeln und in kleinen Gruppen Praxiserfahrung in Sachen Migrationspolitk und Integration in Boston, Charlotte/North Carolina und Montgomery County in Maryland teilen können.

 

In Anchorage steht neben weiteren Praxisaktivitäten auch auf dem Programm, einen Aktionsplan zu formulieren, mit dessen Hilfe die beteiligten Städte und Gemeinden aus Deutschland ihre Integrationspolitik koordinieren und vernetzen.

In Anchorage werden die Hotelgäste wie an anderen Orten der Welt mit Sicherheitsbestimmungen für richtiges Verhalten im Brandfall und bei Erdbeben vertraut gemacht. Aber auch: Elche niemals füttern und mindestens 50 Fuß Abstand halten.

 

 

Von Teltow-Fläming nach Alaska

Reflexionen von Pfarrerin Mechthild Falk über traditionelle Willkommenskultur und warum der Schneesturm ein antirassistischer Lehrmeister sein kann:

Zehn Stunden Zeitunterschied mit Daheim. Eine Reise in den nördlichsten und westlichsten und größten  Bundesstaat der USA, die größte Exklave der Welt, in der gestern die Sonne um 22.00 Uhr noch ganz hell schien und wir nach zehn Minuten im Bus vom Flughafen zum Hotel den ersten Elch sahen.

Man muss sich in den Arm kneifen, um zu realisieren, dass wir das hier wirklich alles erleben dürfen. Wir sind in Anchorage, der Stadt mit der größten ethnischen Vielfalt in den USA, in der über hundert Sprachen gesprochen werden und in der vor allem die Ureinwohnner, die Dena'ina Athbaskans, gewürdigt werden, die hier seit Tausenden von Jahren

Neuankommende willkommen heißen. Das lese ich in unserem Vorbereitungsmaterial für eine Stadt, die seit 2014 ein Mitglied von Welcoming America ist.

In diesem so weit entfernten Land ist man aufeinander angewiesen, nicht nur im Blick auf den Erfolg, sondern auch im Blick aufs gemeinsame Überleben. In Alaska weiß man, wenn ein Schneesturm einen bedroht, muss man seine Hand ausstrecken. Und es ist unwichtig, welche Hautfarbe oder welche persönliche Geschichte mit der anderen Hand verbunden ist, die man zu ergreifen sucht. Wir sind extrem gespannt auf alles, was uns hier erwartet.

5. Mai 2018

Anchorage: Geschichte und Gegenwart

Der erste Tag auf der letzten Reisestation stand ganz im Zeichen der wechselvollen Geschichte Alaskas. Im Anchorage Museum bietet sich dazu die beste Gelegenheit.

Das größte Museum des Landes "verbindet Menschen, weitet Perspektiven und ermutigt zum Dialog über den Norden und seine ganz besondere Umgebung". So beschreiben die Museumsmacher ihren Anspruch an ihr reichhaltiges Ausstellungsangebot. Und: "Das Museum erzählt die wirkliche Geschichte des Nordens, eine vielgesichtige Geschichte, die soziale, politische, kulturelle, wissenschaftliche, historische und künstlerische Züge mit einader verflicht."

Christiane Witt, Integrationsbeauftragte des Landkreises Teltow-Fläming, nach dem Rundgang: "Es ist sehr beeindruckend zu hören und zu sehen, dass die Menschen sich auf Gemeinsamkeiten verständigen. Was sie eint und nicht, was sie trennt. Menschen von allen Kontinenten und allen Religionen leben friedlich miteinander. Das nenne ich Willkommenskultur."

 

Alaska ist der jüngste amerikanische Bundesstaat, Mitte des 19. Jahrhunderts von Russland erstanden, aber erst seit 1959 Teil der USA. Auch wenn dieses weite Land unberührt schien, war es kein leeres Territorium, sondern von Menschen besiedelt, die in den USA native people oder first people genannt werden - traditionelle Einwohner in ihren angestammten Gebieten.

 

Dies anzuerkennen und die Urbevölkerung am immensen Reichtum des Landes teilhaben zu lassen, ist eine der Herausforderungen. Nicht zuletzt auch durch die Folgen des Klinawandels, die hier weitaus deutlicher zu spüren sind als an manch anderen Orten der Welt. Auch das eine große Herausforderung: Das Aussterben der kulturellen Wurzeln und der Sprache der frühen Einwohner zu verhindern. Trotz dieser enormen Aufgaben schließt die hiesige Willkommenskultur die Flüchtlinge aus dem Ansiedlungs-Programm mit ein.

 

In Anchorage hatte die Reisegruppe Gelegenheit, das Willkommenscenter des Refugee Assistance and Immigration Service (RAIS) zu besuchen, das vom Katholischen Sozialdienst unterhalten wird. Auch hier gibt es - ebenso wie in den zuvor besuchten Einrichtungen - zahlreiche Angebote unter einem Dach.

 

Flüchtlinge aus dem Sudan  berichteten, wie es sie nach Alaska verschlagen hat. Auf die Frage, auf welche Probleme sie in Alaska träfen, antworteten sie: Uns geht es gut, wir haben Arbeit. Wir haben keine Probleme. Auch hier ist Arbeit der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben.

 

mehr über RAIS

 

 

"... dass ihr eure Türen geöffnet habt"

Mechthild Falk, Pfarrerin in Jüterbog (Teltow-Fläming), ist in der Flüchtlingshilfe ihrer Stadt aktiv und hat Anfeindungen erlebt. Im fernen Alaska erhält sie Zuspruch für ihr - und ihrer Mitstreiter - Engagement. Sie sagt "Wir werden weitermachen!"

Aus dem Südsudan, Somalia oder Athiopien nach Alaska! Das ist schon eine ungewöhnliche Vorstellung. Aber es geschieht. Ich spreche mit Fadwa in einem der Willkommenszentren, die wir besuchen. Sie hilft als Dolmetscherin den Arabisch sprechenden Neuankömmlingen. Hier ins ferne Alaska kommen nur Flüchtlinge über das sogenannte Resettlement-Programm, also mit einer Einreisegenehmigung, die schon im Flüchtlingslager im Heimat- oder Nachbarland erteilt wurde.

 

Einer von einer Million Flüchtlingen auf dieser Welt hat dadurch eine Chance, dem oft jahrelangen Leben in einen Flüchtlingscamp zu entkommen.

Die USA haben für 2018 festgelegt, 45.000 Menschen über dieses Programm aufzunehmen. Das ist die niedrigste Zahl seit Jahren.

"Wie könnte euer Leben in 5 Jahren aussehen?" Fadwa sagt: Dann haben meine Kinder hoffentlich die Schule abgeschlossen, lernen einen Beruf oder studieren. Und danach helfen sie anderen, die neu ankommen."

Das beeindruckt mich und macht mir Mut für unsere Helfergruppen, dass auch bei uns erlebte Willkommenskultur von den Geflüchteten selbst sozusagen "vererbt" wird an die nächste Generation und so unsere Gesellschaft nachhaltig zu einer mehr weltoffenen, toleranten und gerechten verändert wird.

Ein anderer Mut machender Satz kam von Amy, die bei Welcoming America in Anchorage arbeitet. "Wir danken euch in Deutschland, dass ihr eure Türen und Herzen für so viele Menschen in Not geöffnet habt."

Das wird uns Deutschen am andern Ende der Welt gesagt! Das darf uns nicht verloren gehen. Dieser andere Blick auf Deutschland - 73 Jahre nach dem Ende des Krieges, den unser Land über die Welt brachte. Dieser Blick auf unser Land, welches Menschlichkeit zeigte und zeigt.

 

Amys Satz will ich im Herzen tragen, wenn ich dann zu Hause auch wieder anderes erlebe - verschlossene Herzen, Verhärtung, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Amys Satz gibt mir Kraft zu sagen: Es ist richtig, was wir in der Flüchtlingshilfe tun. Wir werden weitermachen!

6. Mai 2018

Im Konferenzraum des Westmark Hotels traf sich heute die gesamte deutsche Delegation, um mit der Debatte um einen Aktionsplan zu beginnen, der die künftige Arbeit in Deutschland unterstützen und strukturieren soll.

Die Teilnehmer aus Teltow-Fläming beschäftigte die Frage, wie die Arbeit der Vielzahl an Initiativen und Partner im Landkreis besser zu bündeln sei, wo es Anknüpfungspunkte an bestehende Strukturen gebe, um nicht zuletzt auch Geflüchtete selbst in den Prozess einzubinden und in Verantwortung zu nehmen. Hier im US-Bundesstaat Alaska scheint ein funktionierendes Netzwerk aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft dazu beizutragen, dass die Grundlagen für eine gelingende Integration gelegt sind: Arbeit und Sprache.

 

Die Teilnehmer aus Teltow-Fläming kamen zu dem Ergebnis, dass im eigenen Landkreis noch viele Erörterungen erforderlich sein werden, um einen Aktionsplan nach Vorgabe dessen zu verwirklichen, was an Anregungen aus den USA auf den Weg gebracht werden könnte.

7. Mai 2018

Im Konferenzraum der Stadtverwaltung von Anchorage hat George Martinez eine Zusammenkunft mit Angehörigen mehrerer Bevölkerungsgruppen der so genannten first people Alaskas organisiert. Martinez ist zuständig für Bildung, Jugend, Vielfalt und wirtschaftliche Entwicklung.

Im Mittelpunkt des Austausches stand die Frage, welche Auswirkung die Zuwanderung aus Dutzenden von Nationen der Welt auf die frühen Einwohner Alaskas haben. Martinez hob in diesem Zusammenhang die kulturelle Vielfalt als Motor der Entwicklung in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht hervor.

Coleen Yaari Walker kam 1997 nach Anchorage. Sie entstammt der Bevölkerungruppe der Yupik, die auf der St. Lawrence Insel beheimatet ist. Der kleinere Teil der Yupik - früher Sibirische Yupik genannt - lebt in Alaska, der weitaus größere Teil auf der russischen Seite.

Das städtische Leben und vor allem die für sie befremdliche Lebensweise hinterließen ihre Spuren: Coleen Walker verfiel eine Zeit lang dem Alkohol und geriet mit der Justiz in Konflikt. Ausgerechnet im Gefängnis eröffnete sich ihr, dass die europäisch bestimmte Form der Therapie, vom Alkohol abzukommen, ihr keinen Erfolg versprach. Sie wandte sich dem traditionellen, ganzheitlich orientierten Heilwesen ihrer Kultur zu.

Heute arbeitet die siebenfache Mutter mit Jugendlichen und lehrt das alte Wissen. Sie macht gerade Ihren Abschluss in Psychologie und will künftig traditionelle Heilverfahren mit westlicher Psychologie verknüpfen. Neben Motorradfahren und Pool-Billard ist Ihre Passion, traditionelle Werte und Überzeugungen vor allem an junge Leute weiterzugeben.

 

Im Video benennt sie einige der traditionellen Werte (Auswahl):

 

Yiilgingigatut  -  Sprich nicht hinter dem Rücken anderer Menschen über sie
Iilqayugsaghaghpenaasi  -  Trage nicht dazu bei, dass andere Menschen sich schlecht fühlen
Kayusighimanginaghaqlusi  -  Sei hilfsbereit
Siivanlleghet nagaataqluki  -  Hör auf ältere Menschen
Angaayuqaasi nagaataqluki  -  Hör auf deine Eltern
Amyuqetiqegpenasi  -  Achte alle Lebenwesen

Die Besinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln bietet ihr Identifikation und kulturellen Ruhepol.

 

 

8. Mai 2018

Der letzte Besuchstag in Anchorage begann mit einer Visite in der East High School. Im Blick auf die Vielfalt unter der Studentenschaft ist East High School eine der drei herausragenden Ausbildungsstätten der USA. Die deutsche Gruppe hatte Gelegenheit, mit den Studenten ausführlich zu sprechen - unter ihnen auch eine Vielzahl an jungen Leuten, die als Flüchtlinge nach Anchorage gekommen sind.

So ist auch das Angebot an Projekten mit Flüchtlingen reichhaltig. Sie können sich in Musik, Tanz, Gestaltung oder Malerei ausprobieren und sich nach ihren Fähigkeiten und Wünschen betätigen.

 

Die Erfahrung zeigt, dass dabei die Sprache sehr viel schneller erlernt wird. Auffallend war, dass stets auch Herkunft und Hintergrund eines Studenten berücksichtigt werden und die unterschiedlichen Religionen Respekt erfahren.

Der anschließende Besuch beim Alaska Literacy Program hat erneut vor Augen geführt, wie bedeutend neben dem Erwerb der Sprache auch die Fähigkeit ist, in Wort und Schrift zu kommunizieren.

 

Ein Leben ändern durch Lesen und Schreiben, so beschreibt das Programm seine Mission.

Seit 1974 ist die Organisation dafür zuständig, in Anchorage und vielen Teilen des Bundesstaates Alphabetisierungskurse durchzuführen. Darüber hinaus bildet das Programm auch ehrenamtlich tätige Lehrer aus, die im Einzelunterricht oder vor der Klasse unterrichten.

 

Inzwischen gehört auch die Computerausbildung zum Lehrprogramm.

 

 

9. Mai 2018

Am frühen Morgen verlassen die WCTE18-Teilnehmer aus Hamburg, Frankfurt/Main, Iserlohn, Bautzen und Teltow-Fläming die Stadt Anchorage und werden am 10. Mai in Frankfurt am Main landen.

 

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"Die Delegation aus Deutschland verabschiedet sich von den Akteuren in Anchorage und dankt allen Organisatoren von Cultural Vistas herzlich für die Einblicke und Erfahrungen, die wir auf unserer Reise durch die USA machen durften. Wir haben eine Menge an guten Beispielen gesehen und wie Willkommenskultur gelingen kann. Gern greifen wir das eine oder andere Beispiel auf. Im November 2018 wird es einen Gegenbesuch in Deutschland geben.
Wir freuen uns darauf."

 

Christiane Witt
Integrationsbeauftragte des Landkreises Teltow-Fläming

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