"... und wir sind mit ihm noch nicht fertig"

Erster Landsalon: Jürgen Neffe stellt Marx-Biographie vor

 

Beim ersten "Landsalon" der Partnerschaft für Demokratie Teltow Fläming haben die Gastgeber die Messlatte gleich mal recht hoch gelegt. Jürgen Neffe, Autor einer umfangreichen Karl Marx-Biographie, hat im Alten Schloss Baruth aus seiner Arbeit gelesen und Einblicke in die Entstehungsgeschichte gewährt. Künftig soll der Landsalon vierteljährlich stattfinden.



Ausgerechnet Lehman Brothers. Als die Nachricht von der Pleite der New Yorker Investmentbank 2008 die Runde machte, verbrachte Jürgen Neffe gerade ein paar Urlaubstage in Italien. Zehn Jahre später würde der Wissenschaftsjournalist wohl sagen, dass ihn nicht zuletzt das Nachdenken über die Finanzkrise jener Jahre zu einem Vorhaben angeregt hat, das er einmal als das schwierigste Projekt seines Lebens bezeichnen würde: eine Biographie zu Karl Marx.

Ansporn mag auch gewesen sein, dass in den zurückliegenden Jahren vielerorts, selbst in den konservativen Leitmedien, die Frage gestellt wurde, ob Marx nicht doch recht hatte in seinen Beobachtungen und Analysen. Schließlich erteilt selbst das Handelsblatt dem revolutionären Visionär die höheren Weihen und bezeichnet seine Gedankenwelt als „frappierend aktuell“.

Rechtzeitig zum 200. Geburtstag am 5. Mai dieses Jahres legt Jürgen Neffe eine 650 Seiten starke Biographie unter dem Titel „Marx. Der Unvollendete“ vor. Grund genug, den in Teltow-Fläming lebenden Autor zum Auftakt einer von der Partnerschaft für Demokratie geplanten Gesprächsreihe ins Alte Schloss Baruth einzuladen. Rund 40 Besucher nahmen die Gelegenheit wahr, am 23. März nicht nur Auszüge aus dem Werk zu hören, sondern auch Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Buches zu erhalten.

Neffe hat sich an vielen Wohn- und Wirkungsorten von Karl Marx umgetan, hat sich zudem durch 25 Marx-Biographien und weit über hundert sekundärliterarische Werke gekämpft, um sich schließlich in einem einjährigen Lesemarathon dem Gesamtwerk zu widmen. Da überrascht, dass der Autor nach all der Müh und dazu noch ein paar Gastsemestern Wirtschaftsstudium in Berlin zu einem eher schlichten Urteil findet: „Bei Marx ist jeder Pups umstritten.“

Wäre es bei dieser Erkenntnis geblieben, hätte Neffe ohne Not die weitere Arbeit anderen überlassen können, etwa dem Politikwissenschaftler Michael Heinrich, dessen Marx-Biographie noch aussteht und deren erster Band im April erscheinen soll. Beide Autoren – Neffe und Heinrich – eint das Ziel, anders als viele Biographien zuvor Leben und Werk in einer Gesamtschau zu präsentieren und dadurch die Einordnung der Marxschen Texte zu erleichtern.

Vielmehr verdankt die Leserschaft Jürgen Neffe eine Erkenntnis, die er als Marx‘ zentrale Botschaft bezeichnet. Die Menschen haben sich mit dem Kapitalismus darauf eingelassen, die Kontrolle über das Wirken des „Hexenmeisters“ zu verlieren. Nun ist es der Kapitalismus, der die an Marionettenfäden Hängenden beherrscht und ihnen seine vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten aufzwingt.


In diesem Zusammenhang geht Neffe noch einen Schritt weiter und überträgt diesen Gedanken auf die Jetztzeit, in die Phase von Digitalisierung, Big Data und Industrie 4.0. Während in der Vergangenheit der Kapitalismus sich als anpassbar und lernfähig erwiesen und damit die gesellschaftliche Erosion gebremst hat, laufen wir Gefahr, die Kontrolle ein weiteres Mal und mit wesentlich bedrohlicheren Folgen aus der Hand zu geben. Neffe: „Bei diesem erneuten Kontrollverlust bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir das ganze Ding überhaupt noch anhalten und unter unsere Kontrolle heben können.

Bliebe noch zu klären, warum der Autor seiner Marx-Biographie den Titel „Der Unvollendete“ angefügt hat. Neffe: „Marx ist nicht fertig geworden und wir sind mit ihm noch nicht fertig.“

Mit dem Abend im Baruther Alten Schloss hat die Partnerschaft für Demokratie gemeinsam mit dem Jugendforum Teltow- Fläming eine Gesprächsreihe eröffnet, die künftig vierteljährig und an wechselnden Orten im Landkreis stattfinden soll. Der Name: Landsalon.

 

Christopher Senf, Projektleiter des Jugendforums, der auch das Gespräch mit Jürgen Neffe moderierte, beschrieb die geplanten Zusammenkünfte des Landsalons als „Gesprächskreis in ungezwungener Atmosphäre“ mit einem offenen Themenkatalog. Nach dem fulminanten Abend mit Jürgen Neffe darf man gespannt sein.

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