Unterwegs für eine demokratische Kultur

Mobile Beratungsteams in Brandenburg

Wer hätte je gedacht, dass in Deutschland einmal Menschen für die Wahrung ihrer demokratischen Grundrechte auf die Straße gehen - Seite an Seite mit Leuten, die für eben diese Demokratie lautstark Verachtung zeigen? Ein Glück, dass sich die brandenburgische Landesregierung vor über zwanzig Jahren im Landesprogramm „Tolerantes Brandenburg“ dazu bekannt hat, dem Schutz der Demokratie einen hohen Stellenwert einzuräumen. Neben zahlreichen Institutionen sind es die Mobilen Beratungsteams, die gegen Rechtsextremismus und für Demokratieförderung vor Ort sind, handeln, stärken und beraten.


Die Geschichte der Mobilen Beratungsteams in Brandenburg reicht mehr als 25 Jahre zurück bis in die frühen neunziger Jahre. Im wiedervereinigten Deutschland war es damals zu einer Welle fremdenfeindlich motivierter Gewalt gekommen. Pogromhafte Übergriffe auf Wohnheime von Arbeitsmigranten und Asylbewerbern in Hoyerswerda 1991, in Rostock-Lichtenhagen 1992, die Brandanschläge von Mölln und Solingen 1993 sind vielen Menschen noch heute im Gedächtnis ebenso wie zahlreiche Pressemeldungen zu Angriffen durch Neonazis.

Auch in Brandenburg häuften sich zu dieser Zeit rechtsextreme Überfälle. Bis zum Ende des Jahres 1992 hatten rassistische Gewalttaten hier allein acht Todesopfer gefordert. Der zunehmende Einfluss rechtsextremer Parteien aus den alten Bundesländern und anderer Akteure sowie teils manifeste fremdenfeindliche Einstellungen in Teilen der Bevölkerung alarmierten Politik und Zivilgesellschaft.

Da es – anders als in der alten Bundesrepublik – in Gemeinden, Schulen, Vereinen, Jugendeinrichtungen, Verbänden wenig bis keine Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dieser Problemlage gab, wurde ein Bedarf deutlich: es brauchte eine Struktur, die zu eben dieser Herausforderung informiert, berät und unterstützt.

Die ersten Schritte

Bereits im Jahr 1991 gab es dazu erste Gespräche zwischen der damaligen Ausländerbeauftragten Almuth Berger und Marianne Birthler, zu jener Zeit Ministerin für Bildung, Jugend und Sport. Die Idee, ein flexibles Team einzusetzen, das an Orten fremdenfeindlicher Übergriffe die Lage sondiert und Handlungskonzepte erarbeitet, fand auch Unterstützung im Sozialministerium unter Regine Hildebrandt.

Die anhaltende Gewalt gegen Menschen, die nach den Vorstellungen rechtsextremer Milieus in einer angestrebten national-völkisch ausgerichteten Gesellschaftsordnung keinen Platz haben sollten, beschleunigte die Gründung des ersten Mobilen Beratungsteams.

Die Zeitspanne 1992 bis 1998 kann man rückblickend als Experimentierphase einordnen. Ein Arbeitsfeld, für das es zwar einen dringenden und zudem vielschichtigen Bedarf, jedoch keinerlei Erfahrungswerte gab, musste gänzlich neu abgesteckt werden. Vieles wurde erprobt, von der sozialpädagogischen Intervention bis hin zur praktischen Beteiligung etwa an kommunalen Bauprojekten.

So wechselte die Arbeitsweise des Mobilen Beratungsteams zwischen eher sozialarbeiterischen Aktionen, präventiver Aufklärung und Vernetzung. Bald zeigte sich, dass die besondere Stärke in der Fähigkeit des Teams lag, sich schnell auf lokale Gegebenheiten einzustellen, die Motive beteiligter Personen und Gruppen zu ergründen und als vermittelnder Partner in Konfliktlagen zu handeln. Über die Jahre etablierte sich die Tätigkeit des Mobilen Beratungsteams zusehends, neue Kolleginnen und Kollegen kamen hinzu und erweiterten das Arbeitsfeld mit Fachkenntnis und Können.

Stabilisierung

Seit 1998 ist die Arbeit der Mobilen Beratungsteams im Handlungskonzept des Landesprogramms „Tolerantes Brandenburg“ verankert. Dieses Konzept ist Leitbild und Selbstverpflichtung der Landesregierung, sich jederzeit für die Stärkung der Demokratie, die Förderung von Zivilcourage und gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen.

Das Problem des Rechtsextremismus beschränkt sich bekanntlich nicht auf Regionen in Brandenburg. Auch anderswo war und ist die demokratische Gesellschaft mit Gegnern und radikalen Gruppen konfrontiert. Auch dort wurde der Bedarf nach schnellem und pragmatischem Beistand erkannt. So machte das Modell der aufsuchenden Beratung aus Brandenburg schließlich Schule im gesamten Bundesgebiet.

Mittlerweile verfügt jedes Bundesland über Mobile Beratungsteams, die in unterschiedlicher Trägerschaft Zivilgesellschaft, Politik und Behörden beraten und unterstützen. In der mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus haben diese Institutionen Sach- und Fachwissen entwickelt und Netzwerke gebildet, die in der Politik hohe Wertschätzung genießen.

In Brandenburg bilden die Mobilen Beratungsteams gemeinsam mit den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Brandenburg e.V.), den Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt (Opferperspektive e.V.), der Fachstelle Islam, der Fachstelle Antisemitismus und weiteren Trägern das Landesweite Beratungsnetzwerk. Dessen Auftrag besteht in der Stärkung demokratischer Kultur vor Ort, der Unterstützung von Betroffenen und der Entwicklung von Handlungskonzepten, die der offensiven Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit dienen. Jeder Teil dieses Netzwerks verfügt über Beratungsstellen, die Wissen vermitteln, Hilfe anbieten und engagierte Menschen zusammenbringen.

Standorte Mobiler Beratungsteams

 

 

 

 

Weiterführende Materialien

Umgang mit rechtspopulistischen Parolen
Mobiles Beratungsteam – Einblicke



Breit gefächertes Aufgabenfeld

Das öffentliche Erscheinungsbild des Rechtsextremismus hat sich über die Jahre verändert. Wenn auch die rechtsextreme Szene nicht mehr offen martialisch und gewalttätig wie in den neunziger Jahren in Erscheinung tritt, so stellen doch ihre anhaltende Gewaltbereitschaft und ihre Absage an die Demokratie weiterhin die Gesellschaft vor Probleme. Und so erfordert auch in Brandenburg die Gegenwehr der vielen demokratischen und couragierten Menschen eine stete Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die ständige Vereinbarung darüber, welche Qualitäten eine Demokratie in Vergleich zu autoritären Staatsformen besitzt, ist dabei ebenso wichtig wie ein entschlossenes Reagieren auf rechtsextreme Vorfälle. Daraus speist sich der mittlerweile vielschichtige Auftrag des Mobilen Beratungsteams.

Vorträge und Fortbildungen zu Erscheinungsformen des Rechtsextremismus sind dabei ebenso Teil unserer Arbeit wie beispielsweise die Unterstützung bei der Gründung von Bürgerinitiativen. Für die individuelle Beratung von Personen, die in ihrer Umgebung Bedrohungen ausgesetzt sind, sind wir ebenso zuständig wie für die Konzipierung und Moderation von Veranstaltungen, auf der Menschen sich für eine lebendige demokratische Gesellschaft engagieren wollen. Eine vitale demokratische Kultur, an der alle teilhaben können, erzeugt ein Klima, in dem es radikales und autoritäres Gedankengut schwer hat.

Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Hass sind Erscheinungen, die sich nie gänzlich überwinden lassen. Aber man kann ihnen vorbeugend begegnen und ihre verhängnisvolle Dynamik bremsen. Dabei leistet das Mobile Beratungsteam Unterstützung.

Andrea Nienhuisen

Ermutigung zur Demokratie

Wache und engagierte Bürger*innen sind die Basis einer gefestigten  Demokratie. Uns erreichen zunehmend Anfragen von Menschen, die sich von der Zunahme populistischer Parolen in ihrem Umfeld erschreckt zeigen und sich damit  auseinandersetzen wollen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht selten der Wunsch, auf mögliche verbale Auseinandersetzung etwa in Bussen und Bahnen, während eines Grillfestes oder beim Vereinsabend vorbereitet zu sein und Argumente zur Hand zu haben. In unseren Seminaren erfahren die Teilnehmer häufig erst, dass sie mit dem Unwohlsein über die teilweise entglittene Diskussionskultur nicht alleinstehen.

Martin Schubert

Noch mehr als das Einüben hilfreicher Argumente oder rhetorischer Kniffe erleben wir bei Ratsuchenden oft das Bedürfnis, sich in einem Kreis interessierter und couragierter Menschen zu Fragen eines friedlichen Zusammenlebens auszutauschen und festzustellen, dass man mit der eigenen Haltung durchaus Verbündete in der Familie, Nachbarschaft, im Verein, im Kreise der Ehrenamtlichen hat.

Viele beklagen nicht zuletzt eine Verrohung der Diskussionskultur im Netz oder gar in der eigenen Umgebung. Da können das Zusammentreffen und der Austausch mit Menschen, die sich solchen Auswüchsen widersetzen, eine ermutigende Erfahrung sein. Eine Erfahrung, die spürbar macht, dass das Eintreten für die eigenen Werte und für den friedlichen Umgang miteinander erstrebenswert und richtig ist. Nicht zuletzt in dieser Ermutigung sehen wir als Mobiles Beratungsteam eine zentrale Aufgabe. (Andrea Nienhuisen und Martin Schubert)

 

Andrea Nienhuisen und Martin Schubert leiten eins von sechs Beratungsteams
in Brandenburg mit Sitz in Trebbin, zuständig für Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald

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