"Wir mussten uns nie wie Bittsteller fühlen"

Maren Ruden ist Vorsitzende des Behindertenbeirats von Ludwigsfelde

Der Weg zum Eingang des Rathauses von Ludwigsfelde ist mit grauen Steinen gepflastert. Wer aus dem kleinen Park auf das Gebäude zugeht, vorbei an gewaltigen Pflanzkübeln mit Oleander und Olivenbäumen, muss auch noch drei graue Stufen hinabsteigen.

Kein Problem für Menschen mit guter Sehkraft. Seit Maren Ruden und ihre MitstreiterInnen dafür gesorgt haben, dass die Kanten der Stufen grellweiß gestrichen wurden, finden auch Sehbehinderte gefahrlos Zugang zur Stadtverwaltung. Wenige Meter neben der markierten Treppe ist zudem eine stabile Rampe für Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer, aber auch für Eltern mit Kinderwagen entstanden.

Seit 2018 ist Maren Ruden Vorsitzende des damals neugegründeten Behindertenbeirats in Ludwigsfelde, und aus eigener Erfahrung kennt sie solche Hindernisse und Gefahren wie die vor dem Rathausgebäude. Seit ihrer Kindheit hat sich das Augenlicht der  57-Jährige zunehmend verschlechtert und verfügt nur noch über zehn Prozent Sehkraft.  

Immer wieder würden sie von Bürgern auf Gelegenheiten hingewiesen, den Alltag behinderter Menschen zu erleichtern, Hindernisse auf Gehwegen etwa, die für Behinderte nur schwer zu meistern sind.  Unter anderem geschieht das, so Maren Ruden, auf regelmäßigen Erkundungsgängen durch die Ludwigsfelder Stadtteile, an denen sich Anwohner und Verwaltungsmitarbeiter oder lokale Politiker beteiligen, „um mögliche Stolpersteine zu entdecken und solche Barrieren für Behinderte aus dem Weg zu räumen“.

Natürlich seien längst nicht alle Probleme gelöst, die der zehnköpfige Beirat gegenüber der Verwaltung angesprochen hat. Manches muss langfristig vorbereitet, häufig auch mehrfach vorgebracht werden, um dann doch zu einer guten Lösung zu kommen. So habe es rund zweieinhalb Jahre gedauert, bis an den wichtigsten innerstädtischen Bushaltestellen die Fahrpläne leichter lesbar wurden.

„Deren Schrift ist oft sehr klein und nicht nur für Sehbehinderte schwer zu erkennen“, weiß die Vorsitzende aus eigener Erfahrung. Inzwischen ist an den Tafeln ein QR-Code angebracht, mit dessen Hilfe der Fahrplan aufs Smartphone oder Tablet gescannt und so beliebig vergrößert werden kann. Anerkennende Rückmeldungen von Fahrgästen hätten gezeigt, dass damit nicht nur sehbehinderten Ludwigsfeldern gedient werden konnte.

In einem anderen Fall war sie von einer gehörlosen Frau darauf aufmerksam gemacht worden, dass es für sie zum Beispiel bei Stadtverordnetenversammlungen schwierig sei, trotz Hörgerät den Diskussionen zu folgen. „Da hat der Beirat vorgeschlagen, ähnlich wie im Bundestag oder in manchen Theatern, den Ton über einen eigenen Mikrofonkanal direkt auf das Hörgerät zu senden.“

In manchen Fällen müssten sie, um Erfolg zu haben und „dran zu bleiben“, aber auch Nervensägen sein, meint Maren Ruden. „Wir fragen immer wieder nach.“

Schon immer hat sich Maren Ruden in Ludwigsfelde ehrenamtlich engagiert. Mit acht Jahre bereits war sie im Kirchenchor aktiv und später als Laienschauspielerin auf der Bühne des Ludwigsfelder Klubhauses. Nach 1990 baute sie mit anderen Aktivistinnen eine Frauenberatungsstelle und ein Frauenhaus auf und wurde ins Stadtparlament gewählt.

Zur Behinderten-Arbeit sei sie durch die Anfrage einer damaligen Stadtverordneten-Kollegin gekommen, die ihre Meinung zur Gründung eines gemeinsamen Beirats für Senioren und Behinderte wissen wollte. „Gemeinsam? Nein“, war ihre Antwort. „Man darf das Wort Alter nicht mit dem Wort Behinderung verbinden.“ Weder seien alle älteren Menschen behindert noch alle Behinderten alt. In Ludwigsfelde gelten über 4.000 Menschen als behindert, darunter Kinder, Jugendliche, Menschen im arbeitsfähigen Alter, von denen viele berufstätig sind, und natürlich auch Senioren.

Seine Aufgaben hat sich der dann neu gegründete Beirat von Anfang an selbst gesucht, betont Maren Ruden. Wichtig sei ihm, für alle Ludwigsfelder Bürger – behindert oder nicht - zur Verfügung zu stehen, die mit dem Thema Behinderung in Berührung gekommen sind. Darüber hinaus will er die Stadtverordneten beraten, bevor sie Beschlüsse fassen, die Behinderte betreffen. Hinzu komme die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Verwaltung im Rathaus und mit den Vereinen und Institutionen der Stadt, auch wenn das „nie ganz einfach ist“.

Die erfolgreiche Arbeit des Beirats mache auch aus, dass man nicht abwarte, bis das Stadtparlament einen Beschluss gefasst habe, der das Thema Behinderung angeht. „Wir werden dann tätig, wenn Entscheidungen noch beeinflusst werden können.“ Dabei sei den Mitgliedern des Beirats noch nie das Gefühl vermittelt worden, Bittsteller zu sein. Im Gegenteil: „Bisher ist es immer so gewesen, dass man vor Entscheidungen unsere Expertise ausdrücklich gewollt hat.“

Sorgen bereitet Maren Ruden in jüngster Zeit eine wachsende Aggressivität in Teilen der Stadtgesellschaft. Bislang sei ihr nicht zu Ohren gekommen, dass in Ludwigsfelde Behinderte verbal oder tätlich angegriffen worden seien. Doch angesichts rechter Umtriebe meint sie auch: „Dass das uns noch nicht passiert ist, heißt nicht, dass es das nicht gibt.“

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